Der Terror der Entscheidung Philipp Hübl

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Warum wir manchmal zwischen Menschenleben abwägen müssen

 

Nicht schuldig. So urteilten knapp 87 Prozent der Zuschauer im interaktiven ARD-Stück «Terror», das auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach basiert. Sie sprachen damit den fiktiven Bundeswehrpiloten Koch frei, der darin ein Flugzeug mit 164 Passagieren abschießt, um zu verhindern, dass es ein Terrorist in ein Stadion mit 70 000 Zuschauern lenkt.

Für ein paar Herbsttage gab es dann eine große Aufregung in den Medien. Warum eigentlich? Das Stück beruht ohnehin auf einem Denkfehler. Der Fall ist so klar, dass er gar nicht geeignet ist, unsere moralische Urteilskraft auf die Probe zu stellen.

«Terror» ist ein theatralisches Proseminar, allerdings kein juristisches, sondern ein ethisches, denn es geht um unsere moralischen Intuitionen. Wissen in Rechtstheorie haben ja die wenigsten.

Die Diskussion zwischen Staatsanwältin und Pilot plus Verteidiger kann man auf die Frage herunterbrechen: Kant oder Mill? Kommt es allein auf die Tat an (deontologische Ethik) oder allein auf die Folgen der Tat (Konsequenzialismus)? Gilt der kategorische Imperativ, aus dem man ableiten kann, dass man Menschenleben niemals gegeneinander aufwiegen darf? Oder zählt eben nicht die Absicht bei der Tat (Kants «Wille»), sondern nur die Konsequenz, das größtmögliche «Glück» für die meisten Menschen, wie es die Tradition von Mill will? So weit, so didaktisch.

Jetzt kommt der Denkfehler. Der Verteidiger sagt: «Er hat abgewogen, das Leben von 164 unschuldigen Menschen oder das von 70 000.» Die Staatsanwältin wiederholt das, der Angeklagte wiederholt das. Dabei ist diese Beschreibung schlicht falsch, und zwar so offenkundig, dass man sich fragt, ob hier beim Autor Ferdinand von Schirach Vorsatz oder Fahrlässigkeit im Spiel ist.

Das Stück stellt zwei Szenarien gegenüber. In einem, dem tatsächlichen Weltlauf, feuert der Pilot die Rakete ab: 164 Menschen sterben. Im anderen, dem hypothetischen, sterben dieselben 164 Menschen eine Minute später, und zusätzlich verlieren Tausende im Stadion ihr Leben.

Die Passagiere sind also in keinem Fall zu retten. Einzig ausschlaggebend für die ethische Beurteilung dürften dann nur die Zuschauer im Stadion sein. Richtig formuliert lautet der Konflikt also: Darf ein Pilot das Leben von 164 Menschen um eine Minute verkürzen, um Tausende zu retten?

Die Antwort lautet: Ja er darf, er muss sogar (jedenfalls aller Voraussicht nach – in der Ethik ist ja nichts ganz eindeutig). Beruhigend, dass die Zuschauer das ebenso sehen. Man könnte die Frage hypothetisch auch den Passagieren stellen, selbst wenn es makaber klingt: Sie könnten eine Minute länger leben, dafür sterben Tausende Menschen – wollen Sie das?

Im Stück bringt die Staatsanwältin die Kant’sche Ethik des Sollens gegen eine moralische Kosten-Nutzen-Rechnung in Stellung. Wer abwäge, mache die Passagiere zu Objekten. Auch das trifft nicht auf den Fall zu. Der Pilot behandelt die Passagiere keineswegs als bloße Mittel, denn er benutzt sie ja nicht, um den Terroristen auszuschalten. Ihr Tod ist vielmehr ein Nebeneffekt seiner Rettung der Stadionbesucher. Auch wenn er absichtlich schießt, hatte er niemals die Absicht, sie zu töten: Hätte er nur den Attentäter gezielt ausschalten können, hätte er genau das getan. Das klingt spitzfindig, ist aber eine wichtige Erkenntnis in der Handlungstheorie. Dieses «Prinzip der Doppelwirkung» hat schon Thomas von Aquin im Mittelalter diskutiert, um das strikte Tötungsverbot in der christlichen Ethik zu relativieren.

Strittig und damit spannend wird die Debatte erst, wenn man ein weniger eindeutiges Beispiel als das von Schirach wählt. In der modernen Ethik tut man das seit 40 Jahren. Als guter Test für unsere moralischen Intuitionen haben sich die «Trolley Cases», die «Weichenstellerfälle» der angelsächsischen Philosophinnen Philippa Foot und Judith Jarvis Thomson erwiesen. Zwei dieser Dilemmata erwähnt die Staatsanwältin im Stück. Ein Gedankenexperiment geht so: Ein Zug rast auf fünf Gleisarbeiter zu und wird sie sicher töten. Man kann eine Weiche umlegen, sodass der Zug nur einen Arbeiter auf einem Nebengleis sicher tötet. Andere Möglichkeiten gibt es in diesem Szenario nicht. Würden Sie die Weiche umlegen? In Studien antworten über 80 Prozent der Befragten mit «ja». Das zeigt, dass wir durchaus konsequenzialistisch urteilen, sofern wir keinen weiteren Anhaltspunkt haben: fünf Überlebende sind besser als einer. Der Weichenstellerfall ist jedoch viel radikaler als der Abschuss im Stück «Terror», denn der Gleisarbeiter stirbt in einem Weltlauf und lebt in dem anderen. Erst in so einem Fall muss man zwischen Leben abwägen. Weichenstellerfälle sind inzwischen zu einem philosophischen Pop-Phänomen avanciert. Bei Facebook und Twitter diskutieren User über Hunderte teils bizarre Varianten, in denen sogar Hunde und Gorillas vorkommen. Im Internet können sich Fans sogar T-Shirts bestellen mit dem Spruch «Ich habe die Weiche umgelegt».

Dabei folgt die Abwägung, zumindest in den ernsthaften Fällen, immer demselben Muster. Einige Ethiker bringen sie auf die Formel «kill 1, save n»: Töte einen, rette viele. Unsere Intui-tion hängt dabei unter anderem von der Menge ab: Darf man einen Unschuldigen töten, um 1000 zu retten? Eine Million? Die ganze Menschheit? Selbst standhafte Kantianer kippen irgendwann um.

Doch es ist noch komplizierter. Ein Beispiel: Wieder rast der Zug auf die Gleisarbeiter zu. Man kann ihn nur stoppen, wenn man einen Mann mit Rucksack von der Brücke schubst, dessen Gesamtgewicht allein den Zug zum Stehen bringen kann. Würden Sie den Mann herunterstoßen? Jetzt antworten nur 31 Prozent der Befragten mit «ja».

Um den Unterschied herauszufinden, stellte der Harvard-Philosoph und Psychologe Joshua Greene seinen Probanden solche Fragen in unzähligen Varianten. Dabei maß er ihre emotionalen Reaktionen mit EEG und Hirnscanner.

Sein Ergebnis: Wir denken dann deontologisch und nicht konsequenzialistisch, wenn unser emotionales Alarmsystem eingeschaltet ist. Dazu müssen zwei Bedingungen zusammen erfüllt sein: Die Handlung muss unmittelbar von uns stammen (Schubsen durch Berührung), und sie muss das Opfer als bloßes Mittel zum Zweck behandeln (als Zugstopper). Wir scheuen uns also davor, Menschen mit unseren eigenen Händen zu töten. Das ist bedenklich, denn zumindest die Mittel dürften für die Moral keine Rolle spielen. Doch immerhin 60 Prozent der Befragten finden es völlig in Ordnung, wenn man den Mann per Fernbedienung durch eine Falltür stürzen lässt und ihn so zum Zugstopper macht (kein direkter Kontakt).

Sind solche Diskussionen nicht gefährlich, besonders im Fernsehen? Ganz im Gegenteil: Wir urteilen offenbar manchmal wie Kant und manchmal wie Mill. Wer meint, die Zuschauer seien nicht reif genug, über ethische Fragen zu diskutieren, und müssten vor dem Konsequenzialismus bewahrt werden, ist nicht nur paternalistisch. Er unterstellt auch, dass die deontologische Intuition des Grundgesetzes alternativlos ist. Doch gerade die hängt an emotionalen Neigungen, die uns schnell in die Irre leiten können. Offenbar halten wir das Töten aus der Ferne für weniger schlimm als den direkten Griff an die Gurgel: ein Grund vielleicht, warum uns Opfer von Messerstechereien in unserem Kiez nahegehen, während uns die 3000 durch ferngesteuerte US-Drohnen getöteten Menschen (darunter viele Zivilisten) kaltlassen.

Und selbst das Strafrecht kennt die Ausnahme des «übergesetzlichen Notstands».

Das zeigt, dass das Verbot, zwischen Menschenleben abzuwägen, dort nicht als universelles Prinzip angenommen wird. Tatsächlich finden wir im Alltag viele Beispiele für derartige Überlegungen. Wenn Notärzte zu einem Massenunfall kommen, teilen sie die Opfer in drei Gruppen ein. Den Leichtverletzten muss man nicht helfen, und die Schwerstverletzten kann man nur unter großen Aufwand retten. Daher sind es die Mittelschwerverletzten, um die sich die Rettungskräfte zuerst kümmern. Diese sogenannte «Triage» ist auch beim Militär und bei Naturkatastrophen üblich. Gerade wenn die Ressourcen so knapp sind, dass nicht alle versorgt werden können, muss man eine subjektive und damit unfaire Selektion vermeiden. Das ist purer Konsequenzialismus.

Auch Politiker wiegen Menschenleben gegeneinander auf. Angenommen die Erforschung einer seltenen Erbkrankheit kostet 10 Millionen Euro. An Krankheit A sterben jährlich 10 Menschen, während Krankheit B 50 Opfer fordert. Sofern das Budget nur für eine Krankheit reicht, wird das Gesundheitsministerium natürlich Krankheit B erforschen lassen, um mit dem entwickelten Medikament mehr Menschenleben zu retten.

Kant oder Mill? Solange nicht ausgemacht ist, wer von beiden recht hat oder welche anderen Optionen zur Wahl stehen, müssen wir die Debatte auch jenseits der Fachkonferenzen führen, denn das Recht muss sich an der Moral messen. Und die Frage nach der Moral betrifft uns alle. Wenn diese Frage nicht in den öffentlich-rechtlichen Raum gehört, welche dann?