Das Liebesleben der Philosophen – Teil 2: Wittgenstein Manfred Geier

von

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Ludwig Wittgensteins gehemmtes Begehren

Während Martin Heidegger seine schöpferische Energie als Denker aus dem heterosexuellen Eros bezog, der ihn immer wieder die Grenzen der bürgerlichen Ehe überschreiten ließ, quälte sich Ludwig Wittgenstein sein Leben lang mit den Versuchungen, die durch Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität seine moralische Maxime bedrohten, ein anständiger Mensch und kein Schweinehund zu sein. In ethischer Hinsicht versuchte er, sich am Ideal eines Heiligen zu orientieren, der die geschlechtliche Liebe nur als Bedrohung seiner Reinheit empfinden konnte. Das erhellen zunächst einige Autoren, deren Werke Wittgenstein aufmerksam las, weil sie ihm etwas über sein persönliches Triebschicksal zu sagen hatten.

Schon früh haben ihm die «Bekenntnisse» des Augustinus einen Weg gezeigt, auf dem er sich mit einer übermenschlichen Wahrhaftigkeit seiner Verfehlungen und Sünden bewusst werden wollte, die das Leben jener ständigen sexuellen Versuchung aussetzten, die der große christliche Lehrmeister als «tierische Geilheit» verworfen hatte. Noch im elterlichen Haus hörte er von Sigmund Freud, der das Wiener Bürgertum über die dunklen Seiten seiner Sexualität aufklären wollte, seien sie auch noch so verdrängt oder unbewusst. Vieles von dem, was Freud mit seiner tiefenpsychologischen Sexualtheorie offenlegte, erkannte er später zwar nicht als wissenschaftliche Erklärungen an, sondern durchschaute es als «eine mächtige Mythologie», die ihm jedoch etwas Wichtiges zu sagen hatte, was er auch auf sein eigenes Begehren beziehen konnte. Im April 1930 notierte er sich in seinem Denktagebuch: «Freud irrt sich gewiss sehr oft & was seinen Charakter betrifft, so ist er wohl ein Schwein oder etwas Ähnliches, aber an dem, was er sagt, ist ungeheuer viel. Und dasselbe ist von mir wahr.»

In der Liste der Autoren, deren Werke Wittgenstein «leidenschaftlich zu meinem Klärungswerk aufgegriffen» hat, wurde auch Otto Weininger erwähnt, dieser rätselhafte jüdische Philosoph, der die Wiener 1903 doppelt schockiert hatte. Zuerst durch die Veröffentlichung seines skandalösen Hauptwerks «Geschlecht und Charakter», mit dem er eine prinzipielle Untersuchung der sexuellen Typen von Mann und Frau vorgelegt hatte, die bei jedem Menschen in einem besonderen Mischungsverhältnis vorkommen, wobei der weibliche Idealtyp durch einen seelen- und geistlosen Sexualtrieb beherrscht werde, in dessen Strudel auch der Mann hineingezogen zu werden drohe. Denn es seien vor allem die Frauen, die, unterstützt von willfährigen Männern, dem anderen Geschlecht einzureden vermochten, «daß des Mannes wichtigstes, eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe, daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde». Weininger war davon überzeugt, wobei er zustimmend auch an Augustinus erinnerte, dass die menschliche Unfreiheit, die für Mann und Frau in der Geschlechtlichkeit liege, nur durch eine sexuelle Enthaltsamkeit aufzuheben sei, mit der die ganze moderne Koitus-Kultur außer Kraft gesetzt werden müsse. «Der Mann muß vom Geschlecht sich erlösen, und so, nur so erlöst er die Frau. Allein seine Keuschheit, nicht, wie sie wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung.» Nicht nur diese Forderung irritierte die Leser, sondern zugleich Weiningers Selbstmord, den er im selben Jahr 1903 im Sterbehaus Beethovens inszenierte, um damit zu demonstrieren, dass nur die Selbsttötung jenen Anständigen einen wirklich sicheren Ausweg bieten könne, die sich dem Zwang zum Schlechten, Schweinischen und Bösen entziehen wollten.

Schon kurz nachdem er 1903 sein Elternhaus verlassen und die Realschule in Linz zu besuchen begonnen hatte, las der junge Wittgenstein «Geschlecht und Charakter», das er zeitlebens für das Werk eines außergewöhnlichen Genies hielt, auch wenn er im Alter festgestellt haben soll: «Wie sehr hat er sich da geirrt, mein Gott, wie sehr hat er sich da geirrt!» Doch diese Kritik betraf vor allem Weiningers prinzipielle Untersuchungsmethode, das Weibliche und das Männliche als psychologische Idealtypen, den platonischen Ideen ähnlich, zu fixieren und dabei die differenzierte Vielfalt individueller, mitmenschlicher Lebensformen zu übersehen, auf die der späte Wittgenstein größten Wert legte. Sie richtete sich nicht gegen das Keuschheitsgebot, das den Menschen aus der Unfreiheit seiner heterosexuellen Geschlechtlichkeit zu erlösen versprach. Das erhellt Wittgensteins Liebesleben, das von Anfang an durch den Kampf mit der eigenen Sinnlichkeit gekennzeichnet war.

Bereits seine erste schwärmerische, pubertäre Verliebtheit, die er an der Linzer Realschule empfand, demonstrierte die ambivalente Spannung, die Wittgensteins Freundschaften auszeichnete. Denn während seiner drei Linzer Jahre, die er bei der Familie Strigl wohnte, war sein Verhältnis zum gleichaltrigen Pepi Strigl durch «Verliebtheit und Hochmut» gekennzeichnet, durch sinnliche Annäherung und geistige Distanzierung, scharfe Brüche und zärtliche Versöhnungen. Und schon bei dieser Beziehung machte ihm der Konflikt zu schaffen, der zwischen seiner Sorge um ein anständiges Verhalten und seinem Wunsch nach einer echten Freundschaft bestand, die auch erotisch aufgeladen sein konnte, «(was der andere häufig gar nicht wahrnahm und gewöhnlich nicht erwiderte)», wie es Brian McGuinness, der Biograph von Wittgensteins frühen Jahren, berichtet hat.

Nach Wittgensteins eigener Rechnung war David Pinsent sein «erster und einziger Freund». Das schrieb er jedenfalls Mrs. Ellen F. Pinsent, nachdem sie ihm die traurige Nachricht mitgeteilt hatte, dass ihr Sohn David am 8. Mai 1918 bei einem Testflug ums Leben gekommen war. «Ich habe in der Tat viele junge Männer meines Alters gekannt und mich mit so manchem ganz gut verstanden, aber nur in ihm hatte ich einen wahren Freund gefunden; die Stunden, die ich mit ihm verbracht habe, waren die besten meines Lebens, für mich war er ein Bruder und ein Freund.» Sie hatten sich im Frühsommer 1912 in Bertrand Russells College-Zimmer kennengelernt und waren die beiden letzten Jahre vor dem Großen Krieg so oft wie möglich zusammen gewesen, verbunden durch gemeinsame Interessen an logischen Problemen und eine Reiselust, die sie nach Island und Norwegen aufbrechen ließ. Für einen sexuellen Kontakt mit dem «Bruder und Freund» gibt es keine Hinweise oder gar Beweise; und für Pinsent war Wittgenstein vor allem «ein liebenswerter Gefährte», dessen depressive Selbstanklagen und neurotische Verrücktheiten die Freundschaft wiederholt einer starken Prüfung aussetzten, «da mag er noch so nett und liebenswürdig sein».

Die Frage, ob Wittgenstein homosexuell war, wurde vor allem durch William W. Bartley III. skandalisiert, der sich dabei besonders auf die ersten Nachkriegsjahre bezog, in denen sich Wittgenstein an einem Tiefpunkt seines Lebens befand. Er hatte sein Vermögen an die Geschwister verschenkt, hatte demütigende Scherereien mit der Veröffentlichung seiner Logisch-philosophischen Abhandlung und dachte oft an Selbstmord, weil sich ihm keine klare Perspektive für sein Leben eröffnete. Dass er sich an der Lehrerbildungsanstalt in Wien eingeschrieben hatte, um Volksschullehrer werden zu können, war eher eine Übersprungshandlung zur existenziellen Problemverdrängung als eine klare, zielgerichtete Entscheidung. Im Wittgenstein-Palais in der Alleegasse wollte er nicht mehr leben, sondern war zur Untermiete in die Untere Viaduktgasse 9 gezogen, Wien, III. Bezirk, in der Nähe der Praterwiesen, was Bartley III. sensationell enthüllen ließ: «Dort fand er derbe Männer, die sich bereitwillig sexuell auf ihn einließen.»  Mehrmals in der Woche soll er dorthin geeilt sein, «gepeitscht – so beschrieb er es einigen Freunden – von einem Dämon, den er kaum bezwingen konnte». Namen seiner Zeugen hat Bartley III. nicht genannt, und Indizien hat er nicht vorgelegt. Als Beweismittel zitierte er nur aus einem Brief, den Wittgenstein am 30. Mai 1920 an Paul Engelmann geschrieben hatte, mit dem er sich Ende 1916 während seiner Ausbildung an der Artillerie-Offiziersschule in Olmütz angefreundet hatte. Denn in diesem Brief hatte er sich wieder einmal gegenüber dem Freund gefühlsmäßig «ausgeleert»: «Es ist mir in der letzten Zeit höchst miserabel gegangen. Natürlich nur durch meine eigene Niedrigkeit und Gemeinheit. Ich habe fortwährend daran gedacht, mir das Leben zu nehmen, und auch jetzt spukt dieser Gedanke noch in mir herum. Ich bin ganz & gar gesunken. Möge es Ihnen nie so gehen. Ob ich mich noch werde aufrichten können? Wir werden ja sehen.»

Paul Engelmann war als Zeuge für Wittgensteins Homosexualität denkbar ungeeignet. Denn er wusste, dass es sich bei dessen Selbstvorwürfen nicht um sexuelle Verfehlungen handelte, sondern um eine Versagensangst, den selbst gesetzten hohen ethischen Ansprüchen nicht genügen zu können. Besonders in der unsicheren Nachkriegszeit fühlte er sich verloren und verwirrt. Engelmann, der zwischen 1916 und 1931 in ständigem nahen Kontakt mit Wittgenstein stand und mit ihm 1926 bis 1928 das Stadthaus für Wittgensteins Schwester Margarethe Stonborough in der Kundmanngasse baute, kannte nicht nur die philosophischen, künstlerischen und religiösen Gedanken seines Freundes sehr genau, den er für den leidenschaftlichsten Menschen hielt, dem er je begegnet war, und über dessen Tractatus er bemerkte, «daß er beinahe das einzige große philosoph. Werk zu sein scheint, das mit Leidenschaft gedacht ist». Doch das Leidenschaftliche, das  im Leben und Werk Wittgensteins zum Ausdruck gebracht wurde, schien ihm nicht sexuell begründet gewesen zu sein, sondern als ein rein geistig-seelischer Impuls gewirkt zu haben, den Wittgenstein äußerst streng gegen sich selbst und gegen ihm nahestehende Mitmenschen richtete. Das erhellt auch die Antwort, die Engelmann auf die Frage nach einer möglichen homosexuellen Veranlagung seines Freundes gegeben hat: «Nur soviel muß ich hier sagen, daß mir bei näherer Kenntnis seiner fundamentalen Unfähigkeit, mit einem Mitmenschen in ein anderes als im höchsten Sinn des Wortes ‹menschliches› Verhältnis zu treten, auch die Vorstellung, daß ihn irgend etwas bestimmt haben könnte, was unter die Schablone der genannten Bezeichnung fällt, höchst unwahrscheinlich ist; aus derselben Kenntnis dieser seiner allgemeinen Unfähigkeit aber verstehe ich auch, daß er die gesuchten menschlichen Voraussetzungen bei Frauen nicht häufiger gefunden haben wird als bei Männern.»

Wie problematisch und verwirrend es sein musste, den Wunsch nach menschlicher Klarheit und Reinheit, der sich am Ideal des Heiligen ausrichtete und das Weibliche im Sinne Otto Weiningers als sexuelle Bedrohung abwehren musste, zeigt Wittgensteins Liebesaffäre mit Marguerite Respinger, bei der seine Suche nach einem höchst menschlichen Verhältnis unfreiwillig tragikomische Züge annahm.

Marguerite war, soweit man weiß, die einzige Frau, in die Wittgenstein sich jemals verliebte und die er sogar heiraten wollte, um sich mit ihr im Sakrament der Ehe von allem Unreinen befreien zu können. Die Affäre dauerte sechs Jahre, bis die Geliebte endlich beschloss, sich von Wittgenstein zu trennen und einen anderen Mann zu heiraten. Sie begann 1926, als die 22-jährige, lebenslustige, künstlerisch begabte Tochter aus einer reichen Schweizer Familie, die mit Wittgensteins Neffen Thomas Stonborough befreundet war, nach Wien eingeladen worden war. Marguerite lernte den fünfzehn Jahre älteren Wittgenstein kennen, als er gerade im Bett lag, weil er sich auf der Baustelle in der Kundmanngasse den Fuß verletzt hatte. Sie fanden Gefallen aneinander und sahen sich bald fast täglich, wenn es ihr Studium an der Wiener Kunstakademie und seine Arbeit als Architekt zuließen. Am liebsten gingen sie ins Kino, um sich amerikanische Filme, vor allem Western, anzusehen, die außerordentlich wohltätig auf Wittgenstein wirkten und seinen Geist ausruhen ließen.

Auch nachdem er 1929 wieder nach Cambridge gezogen war, um dort philosophisch weiterzuarbeiten, brach der Kontakt nicht ab. Sie trafen sich in den Ferien, die Wittgenstein in Wien verbrachte, oder Marguerite besuchte ihn in Cambridge. In seinen Tagebüchern hielt er fest, was er von dieser Liebe erwartete. Denn dass er verliebt war, daran konnte er nicht zweifeln, während er sich nicht sicher war, ob auch sie ihn wirklich liebte. Vor allem, wenn er eine Zeitlang nichts von ihr gehört hatte, steigerten sich seine Zweifel. Am 2. Mai 1930 notierte er sich: «Ich liebe die Marguerite sehr & habe große Angst, sie möchte nicht gesund sein, da ich schon über eine Woche keinen Brief von ihr habe. Ich denke, wenn ich allein bin, wieder & wieder an sie, aber auch sonst. Wäre ich anständiger, so wäre auch meine Liebe zu ihr anständiger. Und dabei liebe ich sie jetzt so innig als ich kann. An Innigkeit fehlt es mir vielleicht auch nicht. Aber an Anständigkeit.»

Als unanständig fand er besonders, dass er sie so gern und innig küsste. Er fühlte sich hin und her gerissen zwischen der Lust des Küssens und der befürchteten «Unfreiheit der Geschlechtlichkeit», die ihm durch Weininger souffliert worden war und die er durch sexuelle Enthaltsamkeit bekämpfen wollte. Ihm schwebte die Idee einer Ehe vor, die der Forderung der Keuschheit genügen sollte. Es wundert nicht, dass Marguerite bald nicht mehr wusste, was sie von dieser sonderbaren Beziehung halten sollte. Im Oktober 1930 kam es zu irritierenden Szenen, als in langen Gesprächen die Möglichkeit einer Heirat geklärt werden sollte. Sie hielten sich in den Armen und küssten sich lange. Doch dann schien Marguerite wieder kalt zu sein «& sah oft geradezu finster drein & blickte dabei zur Seite, was ich an ihr nie gesehen hatte & und mich gleichsam erschreckte». Sie weinte und sagte, «wie wenig ich ihr bedeute, wenn ich abwesend sei. Und daß sie überhaupt ihr Verhältnis zu mir nicht begreife.» Auch Wittgenstein wurde sich immer unklarer über die Bedeutung all seiner Erlebnisse mit der Geliebten, die er nicht verlieren wollte. Im März 1931 fühlte er sich «von der peinigenden Angelegenheit mit Marguerite ganz geschlagen. Ich sehe hier eine Tragödie voraus.» Ganz so schlimm wurde es schließlich nicht. Es endete eher undramatisch, nachdem sich Marguerite für die Ehe mit einem anderen Mann entschieden hatte. Wittgenstein empfand dieses bürgerliche Verhältnis als «grausig» und stellte sich die eigenartige Frage: «Jede Beschmutzung kann ich ertragen, nur die bürgerliche nicht. Ist das nicht seltsam?»

Die Trennung von Marguerite Respinger fiel zeitlich zusammen mit der Annäherung an einen jungen Mann, der 1930 nach Cambridge gekommen war, um dort als Stipendiat des Trinity College Mathematik zu studieren. Francis Skinner war die große Liebe Wittgensteins, in der er zu finden hoffte, was er als ein wahrhaft «menschliches» Verhältnis anstrebte. Auch dabei spielte, wie könnte es anders sein, die Sexualität eine beunruhigende Rolle, bis die beiden Liebenden nicht mehr wussten, was sie eigentlich taten, und sich voneinander entfremdeten.

Francis Skinner war ein schüchterner, gut aussehender und äußerst liebenswürdiger Mensch, der philosophisch interessiert und als Mathematiker hochbegabt war. Wittgenstein soll sofort Feuer gefangen haben, als er ihn 1932 näher kennenlernte. Der 43-jährige Wittgenstein, der im Rahmen seines Research Fellowships Vorlesungen über Sprache, Logik und Philosophie hielt, verliebte sich in den 20-jährigen Studenten, dem gegenüber er sich bald als ein strenger Lehrer verhielt, vor allem, wenn es um philosophische Fragen und die Maximen eines guten, anständigen Lebens ging. In den kommenden Jahren verbrachten sie so viel Zeit wie möglich zusammen, und wie schon bei David Pinsent und Marguerite Respinger glaubte Wittgenstein, in Skinners Nähe jene Anregung und Ruhe finden zu können, die er zum philosophischen Arbeiten brauchte. Auch als er 1934 plötzlich den Plan fasste, nach Russland auszuwandern, um dort nützliche Arbeit zu leisten, sollte Skinner sein Gefährte sein. Gemeinsam begannen sie bei der russischen Philosophin Fania Pascal Russisch zu lernen. Seine Reise in die Sowjetunion im September 1935 unternahm Wittgenstein jedoch allein, während Skinner, wie es ihm sein Freund empfohlen hatte, seine akademische Karriere aufgab und ein praktisches Handwerk erlernte, das ihn schließlich dazu befähigte, in der Firma «Cambridge Instrument Company» zu arbeiten und dabei vor allem Schrauben herzustellen.

Es konnte nicht ausbleiben, dass die enge Nähe zwischen den Freunden neugierig darauf machte, ob ihre Bindung vielleicht homosexuell gewesen sein könnte, was damals noch mit Gefängnis bestraft worden wäre. Auf diese kritische Frage konnte Fania Pascal in ihren «Erinnerungen an Wittgenstein» nur antworten, «daß mein Mann und ich selbst sowie meines Wissens alle anderen seiner Bekannten stets den Eindruck hatten, Wittgenstein sei von Natur aus ein keuscher Mensch gewesen. Ja, er hatte ein gewisses Noli me tangere an sich. (…) Alles an ihm war außergewöhnlich sublimiert.»

Dass Wittgensteins Abwehr körperlicher Berührungen nicht die ganze Wahrheit war, dokumentieren verschlüsselte Notizen, die sich in seinem Nachlass fanden. Sie betreffen vor allem den September 1937, in dem Francis seinen Freund in der Einsamkeit Norwegens besuchte, wohin er sich für längere Zeit zurückgezogen hatte, um geistig konzentriert zu arbeiten und seinen Charakter einer strengen Prüfung auszusetzen. Kaum war Francis in seiner Nähe, fühlte Wittgenstein sich «sehr sinnlich» und hing «sinnlichen Phantasien» nach, die ihn irritierten. Er fühlte sich «sinnlich, reizbar, unanständig», notierte er in seinem Tagebuch; und hier findet sich auch jener kurze Hinweis, der die ganze Problematik von Wittgensteins Liebesleben erhellt: «Zwei oder dreimal mit ihm gelegen. Immer zuerst mit dem Gefühl, es sei nichts Schlechtes, dann mit Scham. Bin auch ungerecht, auffahrend und auch falsch gegen ihn gewesen und quälerisch.» Es scheint, als hätte ihm das «Liegen» mit dem Geliebten an Weiningers Einsicht erinnert, dass die wahre Liebe erkalte, wenn die sexuelle Berührung den Geschlechtstrieb mächtig werden lasse und den reinen Menschen in seiner freien Keuschheit überwältige. Erschrocken stellte er «meine Herzenskälte» fest, die ihn in der körperlichen Nähe ergriffen hatte. Am 1. Dezember 1937 ermahnte er sich selbst: «Möge mir vergeben werden; d. h. aber: Möge es mir möglich sein, aufrichtig und liebevoll zu sein.» Jedenfalls war er in einen Zustand geraten, der ihn heillos verwirrte. Er sorgte sich um die für ihn unlösbare Schwierigkeit, seine Sinnlichkeit und seine Liebesfähigkeit zusammenzubringen. Auch seine Selbstbefriedigung, die er schamhaft im Tagebuch protokollierte, verstrickte ihn in einen Selbstzweifel, der ihn Francis und Marguerite in die gleiche Problemsituation zusammenführen ließ: «Heute Nacht onaniert. Gewissensbisse, aber auch die Überzeugung, daß ich zu schwach bin, dem Drang und der Versuchung zu  widerstehen, wenn die und die Vorstellungen sich mir darbieten, ohne daß ich mich in andere flüchten kann. Gestern Abend noch hatte ich Gedanken über die Notwendigkeit der Reinheit meines Wandels. (Ich dachte an Marguerite und Francis.)»

Nachdem er nach Cambridge zurückgekehrt war und dort seine Lehrtätigkeit aufgenommen hatte, näherte sich Wittgenstein wieder Francis an. Er hatte Angst, ihn zu verlieren. Über ein Jahr lang lebten sie in einer kleinen Wohnung über einem Lebensmittelgeschäft in der East Road zusammen. Doch Wittgensteins Flucht vor der Sinnlichkeit ließ ihre Liebesbeziehung immer brüchiger werden. Die nächsten beiden Jahre, bis zu Francis’ frühem Tod am 11. Oktober 1941, blieben sie zwar zusammen, vor allem, weil Francis mit verzweifelter Liebe an Wittgenstein festhalten wollte, während der Geliebte zunehmend unter Schuldgefühlen litt, die ihn lieblos werden ließen.

Vermutlich hat der Wittgenstein-Biograph Ray Monk recht gehabt mit seinem Urteil: «Wittgensteins Liebe zu Francis war offenbar an der körperlichen Nähe gescheitert, die er einst zugleich ersehnt und gefürchtet hatte.» Homosexualität spielte dabei jedenfalls nicht die Hauptrolle. Wittgensteins Liebesleben war ein Drama seiner Sexualität überhaupt. «Liebe, ob zu einem Mann oder zu einer Frau, war für ihn etwas sehr Wertvolles. Er betrachtete sie als Geschenk, fast als göttliche Gabe. Doch wie Weininger (dessen Geschlecht und Charakter meiner Ansicht nach viele Einstellungen Wittgensteins zu Liebe und Sexualität ausformuliert), trennte er scharf zwischen Liebe und Sexualität. Sexuelle Erregung beunruhigte ihn enorm. Er schien sie nicht mit dem Menschen vereinbaren zu können, der er sein wollte.»

In seinen Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie, die Wittgenstein im Mai 1946 zu schreiben begann, kam er nicht zufällig auf den Satz zu sprechen: «Wenn sie vergeht, dann war es nicht die rechte Liebe.» Vielleicht ist Liebe ja etwas viel Tieferes, das «Wichtigste», das sich nur in Gefühlen äußert, aber sich darin nicht erschöpft. Sie ist, wie Wittgenstein zur gleichen Zeit in seinen kodierten Tagebuchnotizen festhielt, «die Perle von großem Wert, die man im Herzen hält, die man für nichts eintauschen will, die man als das Wertvollste schätzt. Sie zeigt einem überhaupt – wenn man sie hat – was großer Wert ist.» Und Wittgenstein glaubte sie zu haben, seine letzte große Liebe, die er im Herbsttrimester 1946 gefunden hatte. Am 8. Oktober, als er sich wieder zum Philosophieren über seelische Ereignisse stark genug fühlte, stellte er in seinem Tagebuch fest: «Alles ist Glück. Ich könnte jetzt nicht so schreiben, wenn ich nicht die letzten 2 Wochen mit B. verbracht hätte.»

Die Liebe zu dem jungen Medizinstudenten Ben Richards, der wie Francis Skinner ein sehr sanfter, einfühlsamer, etwas schüchterner junger Mann war, empfand Wittgenstein als ein unbegreifliches Glück, in dem sich ihm ein letztes Mal jener höhere «Wert» offenbarte, den er einst in seinem Tractatus logico-philosophicus als etwas angedeutet hatte, das in seiner Absolutheit außerhalb alles zufälligen Geschehens und So-Seins lag. Damals hatte er es als etwas «Mystisches» zu begreifen versucht, das sich nur zeigen konnte, aber in einer Sprache der Tatsachen unsagbar sein musste. Jetzt erlebte er es als ein glückliches Ereignis, auch wenn er die Zweifel nicht loswerden konnte, die sein ganzes Leben beherrschten und immer wieder unsicher werden ließen. Hatte er ein Recht, sich wieder zu verlieben und damit die Erinnerung an das Liebesverhältnis mit Francis Skinner zu schwächen, der es doch verdient hatte, dass Wittgenstein sein ganzes Leben lang um ihn trauerte? Und wie konnte er die Gewissheit haben, dass auch Ben ihn liebte und ihre Liebe halten würde? Sicher konnte er sich nicht sein. «Wie diese verwelken wird, weiß ich natürlich nicht. Wie etwas von ihr zu erhalten wäre, lebendig, nicht gepreßt in einem Buch als Andenken, weiß ich auch nicht.»

Absolute Gewissheit konnte Wittgenstein nicht haben. Aber auch einen radikalen Zweifel durchschaute er nun als einen unvernünftigen Akt, der die Liebe zerstörte, die ihm als höchstes Glück erschien. «Vielleicht ein Glück mit Schmerzen, aber ein Glück.» Er hat es bis zu seinem Tod am Morgen des 29. April 1951 erleben können, als Ben Richards sich mit wenigen anderen Freunden im Haus von Doktor Bevan traf, um Wittgensteins Sterben zu begleiten. Er selbst lag bereits im Koma, aber Frau Bevan konnte ihnen mitteilen, was er ihr zu sagen aufgetragen hatte, bevor er das Bewusstsein verlor: «Tell them, I have had a wonderful life.»

Manfred Geier hat bei Rowohlt unter anderem Biographien über Immanuel Kant, die Gebrüder Humboldt und Karl Popper veröffentlicht. Im März 2017 erscheint seine Doppelbiographie «Wittgenstein und Heidegger. Die letzten Philosophen».