Borstelgrilleck Heinz Strunk

von

Im Borstelgrilleck angefangen hatte Anja mit Ende zwanzig, kurz nach ihrer Scheidung; es war ein jahrelanger zäher Kampf gewesen. Sie hatten sich seit dem Sandkasten gekannt und geheiratet, sobald sie volljährig war. Doch nach fünf Jahren war die Ehe mit Marcel am Ende, sie hatten sich auseinandergelebt, es war wohl einfach zu früh gewesen. Ob es anders gelaufen wäre, wenn sich ihr Kinderwunsch erfüllt hätte? Darüber denkt sie oft nach.

Einen anderen hatte es nicht gegeben, sie war Marcel die ganzen Jahre treu gewesen. Dabei hatte es an Angeboten weiß Gott nicht gemangelt, so, wie sie aussah. Pin-up-Girl, hübsches Mädchen von nebenan oder von Seite eins, Bauernkalenderschönheit, die eine oder andere Miss-Wahl hätte sie wohl auch gewonnen, wenn sie denn teilgenommen hätte. Es wollten wirklich alle mit ihr ins Bett, kein Mann, der es nicht wenigstens versucht hätte.

Als es dann endlich überstanden war mit Marcel (er hatte sich zum Glück neu verliebt, sonst hätte es womöglich wirklich noch Tote gegeben), hätte sie die freie Auswahl gehabt. Sie hätte sich austoben, das Versäumte nachholen oder sich eine gute Partie angeln können. Aber das wollte sie auf keinen Fall: sich gleich wieder in die Abhängigkeit von einem Mann begeben. Also zurück in ihren alten Beruf, lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, und dann in aller Ruhe weitersehen. Doch schon nach ein paar Tagen bekam sie allergisches Asthma. Eine Mehlstaubunverträglichkeit, wie sich herausstellen sollte, hatte sich unbemerkt entwickelt oder so, kann man nix machen. Und nun? Ihre Eltern unterstützen sie, gerne, natürlich, sie bezieht ihr altes Zimmer, ist ja nicht für lange.

Montag zieht sie ein, Donnerstag besucht sie zum ersten Mal das Borstelgrilleck, kennt sie noch nicht, hat vor knapp zwei Jahren in den Räumlichkeiten der Schlachterei Bruhn eröffnet, nur 200 Meter vom Elternhaus entfernt. Seit Ewigkeiten hat sie keinen Schaschlik, keine Wurst mit Pommes gegessen, da hätte sie mal wieder so richtig Lust drauf. Sie kommt gleich mit dem Chef ins Gespräch, klagt ihr Leid, und der weiß prompt die Lösung: Den dummen Wassilij, die Aushilfe aus Weißrussland, hat er gerade rausschmeißen müssen, unzuverlässig, faul, frech, Russe eben. Wie wär’s, wenn du, darf ich überhaupt du sagen? – Ja klar! –, hier anfängst? Vielleicht keine schlechte Idee, denkt sie, die Arbeitszeiten nerven zwar, dafür ist der Stundenlohn echt ganz o.k., und für lau essen kann sie auch. Wär ja auch nur für den Übergang, alt werde ich hier sicher nicht. Also schlägt sie ein, high five.

So eine hier, im Borstelgrilleck, das ist eine kleine Sensation. Da weiß man gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Schon gehört, da arbeitet jetzt diese Sexbombe mit den engen Jeans im Borstel, den engen Blusen, der schmalen Taille, dieser dralle Braten, ja leck mich doch am Arsch. Umsatzsteigernd, imagesteigernd, der Laden läuft wie nie.

Aus ein paar Wochen werden Monate, ein Jahr, zwei, drei. Irgendwie schafft sie den Absprung nicht. Die sieht nach vier Jahren zwar immer noch gut aus, aber immer den lieben langen Tag im Pommesmief, im Schaschlikmief, Wurstmief, Frikadellenmief, das ohrenbetäubend laute Gezischel des siedenden Fetts, die Luft gesättigt mit Sorbinsäure, Benzoesäure, Geschmacksverstärkern, Natriumnitrit, Milchsäure, Farb-, Antioxidations- und Konservierungsmitteln, der ranzige Fett- und Frittier-Dunst, der die Poren verstopft, die Nachstellungen des Chefs, die anzüglichen Sprüche der Kunden, die ungünstigen Arbeitszeiten, Phantomkälte in den immer schwerer werdenden Beinen, das tiefgefrorene Grillgut, das sie allein aus dem Keller wuchten muss, ihr fehlen Sonne, Luft, Natur, Land und Leute. Der Laden oder sie, so viel ist ihr bald klar.

Doch das Borstelgrilleck erweist sich auf längere, auf lange Sicht, als unbezwingbarer Gegner. Nach fünf, sechs Jahren sieht sie schon gar nicht mehr so geil aus. Der Chef verliert das sexuelle Interesse an ihr, das findet sie an sich prima, aber dafür ist es um die Kundenzufriedenheit bald nicht mehr gut bestellt. Sie macht Fehler, die Pommes sind versalzen oder nicht salzig genug, das Schnitzel ist nicht durch, der Salat vergoren, irgendwas ist immer. Sie vergisst Bestellungen oder bringt sie durcheinander, verrechnet sich, lässt dauernd was fallen, zu oft die immer gleichen Handgriffe, Kopf und Körper kommen ganz durch den Tüddel. Solange sie noch jung und schön war, haben sie ihr das durchgehen lassen, jetzt nicht mehr.

Dann kommt der Chef auf die dumme Idee, die Putzfrau einzusparen, Anja macht das bestimmt auch noch mit, muss es machen, denn die ist, wie es scheint, hier endgültig hängengeblieben, die hat keine Wahl mehr. Nach Geschäftsschluss um 22 Uhr muss sie also auch noch den Laden picobello saubermachen, sie ist die Erste, die kommt, und die Letzte, die geht. Der Chef lehnt sich schön zurück, aber er kann es sich ja erlauben, zu kommen, wann es ihm passt. Dafür trägt er schließlich auch die Verantwortung, muss sich um den Einkauf kümmern, die Buchhaltung, Entscheidungen treffen usw. In der freien Wirtschaft, klärt er sie auf, zählen Ideen. Wenn ihr das alles hier nicht passt, soll sie ihr eigenes Grilleck aufmachen, Deutschland ist ein freies Land. Viel Spaß.

Darauf fällt ihr auch nichts mehr ein. Also tut und macht und schuftet sie sich dumm und dümmer und krumm und krümmer, elf, zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche, wer soll das auf Dauer aushalten? Und wie die mittlerweile aussieht! Dauernd lösen sich ihre Haare und hängen im heißen Fett, das Gesicht schrundig, faltig, seltsam starr, dreifach gestaffelte Tränensäcke, Haut gedunsen und rotfleckig, Wasser in den Beinen, Figur ruiniert vom Imbissfraß. Ihr Anblick ist untragbar für die Kunden, entscheidet der Chef, die muss weg vom Verkauf, vom Tresen, hinter die Frontlinie. Also wird sie verbannt, versetzt, zu Grill und Fritteuse, mit dem Rücken zur Kundschaft, Pommes braten, Würste braten, Schaschlik, Jäger- und Paprikaschnitzel, Frikadellen, in ihrer Ecke herrschen mörderische Temperaturen, 60, 70, 80 Grad. Wenn sie sich umdreht, dem Chef die fertigen Portionen zu reichen, bekommt der jedes Mal einen Schrecken. Schlimm sieht die aus! Und wenn sich der Chef schon erschrickt, der ihren Anblick ja gewohnt ist, wie soll es dann den Kunden gehen? Auch hinten ist sie bald nicht mehr tragbar. Jetzt ist guter Rat teuer. Entlassen will der Chef sie aber auch nicht. Die treue Seele, hat sich nun schon fast zwanzig Jahre aufgeopfert, aufgerieben, die kann er nicht rausschmeißen wie seinerzeit Wassilij, trotz Chefsein ist er Mensch geblieben, harte Schale, weicher Kern.

Aber er muss auch an das Geschäft denken. Unten, der Keller, das wäre eine Lösung, das könnte man mal probieren. Vorbereiten könnte sie, alles, den hausgemachten Kartoffelsalat, Dressing anrühren, Ware stapeln, verschieben, kühlen, haltbar machen, Frikadellen und Schnitzel für den Ansturm am nächsten Tag anbraten, vorbraten, nach Ladenschluss saubermachen ja sowieso, danach, nachts, Ware in der Auslage mit Petersilienstängeln und Tomatenachteln appetitlich anrichten.

Das Modell bewährt sich. Der Chef ist zufrieden, mit allem, zufrieden mit ihr, die er allerdings schon lange nicht mehr gesehen hat. Außer ihren gummibehandschuhten, verkrüppelten Händen, wenn sie etwas heraufreicht. Nur vor ihrer Stimme fürchtet er sich, dem heiseren Flüstern, das da manchmal von unten kommt.