Bob Dylan 75! Was John Lennon wohl dazu gesagt hätte? Alan Posener

von

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Ich weiß noch, wie ich das erste Mal «Slow Train Coming» hörte, im Sommer ’79. Das war ein Erweckungserlebnis. Augenblicklich wurde ich Christ. Nun gut, nominell war und bin ich ja Christ, genauer: atheistischer Anglikaner jüdischer Abstammung, aber ich meine, ich hatte wieder mal ein Konversionserlebnis. Wurde auch Zeit, weil ich zwei Jahre zuvor erst aus der KPD ausgetreten war.

Mein Erweckungserlebnis lag zum Teil am fetten und zugleich reduzierten Gospel-Sound des Albums, den der atheistische Jude Jerry Wexler – mit Bauchschmerzen wegen der religiösen Botschaft – in Muscle Shoals produzierte. Wexler hatte auch Aretha Franklin und Wilson Picket und all die Heiligen des Soul produziert, die er zum Teil mit dem gleichgesinnten Moslem Ahmet Ertegün entdeckt hatte. Und dann war da noch die großartige Gitarrenarbeit von Mark Knopfler, der auch religiöse, oder vielmehr areligiöse Bedenken hatte, weil er ja wie Wexler (und wie ich) Sohn eines jüdischen Vaters ist. Vor allem aber waren es die Texte, die mich umwarfen. Vor allem der Opener des Albums: «Gotta Serve Somebody». Hier findet sich Dylans Botschaft – nicht nur die Botschaft des Albums, nicht nur die Botschaft seiner drei Alben dauernden christlichen oder seiner späteren chassidischen Phase, sondern die Botschaft des Moralisten, der Dylan immer war – in Reinform: Egal wer du bist, Bankbesitzer oder Tankbesitzer, Erbe oder Friseur: Entweder dienst du Gott oder dem Teufel. Es gibt keine Ausrede, es gibt nur Gut oder Böse:

 

You may be a preacher preaching spiritual pride

You may be a city councilman taking bribes on the side

You may be working in a barbershop, you may know how to cut hair

You may be somebody’s mistress, may be somebody’s heir

But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed

You’re gonna have to serve somebody,

Well, it may be the Devil or it may be the Lord

But you’re gonna have to serve somebody …

 

Was könnte klarer sein? Was einfacher? Und wenn das Einfache schwer zu machen ist, nun ja, das macht es nicht weniger wahr. Weniger blauäugig war John Lennon. Der neigte gelegentlich auch zum Predigen, aber religiöse Gewissheiten waren seine Sache nicht. Mit «Imagine» hatte er ja versucht, den Atheismus als Grundlage einer ganz diesseitigen Moral zu denken:

 

Imagine there’s no heaven,

It’s easy if you try

No hell beneath us

Above us only sky

Imagine all the people

Living for today …

 

Kein Wunder, dass sich Lennon über Dylan ärgerte – über den ewigen Rivalen, dessen lyrische und musikalische Potenz er nicht leugnen und mit seinem Solo-Werk nur selten – mit «Mother» vielleicht, und ja, mit «Imagine» und, meinetwegen, «Give Peace A Chance», aber das war‘s wohl schon – erreichen konnte. Seit fünf Jahren hatte sich Lennon aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, war Hausmann geworden und verließ nur selten das Luxusappartement im Dakota-Gebäude. Aber «Gotta Serve Somebody» konnte er nicht ausweichen: Die Single-Auskoppelung war ein Hit, alle Sender dudelten ihn, auch im weltlich-jüdischen Heimer-Town, wie die Amerikaner New York City nennen.

Über Dylans Konversion – und deren Verwertung als Hitmaterial – ärgerte sich Lennon so sehr, dass er den Talking Blues «Serve Yourself» schrieb, in dem er über Konvertiten spottete: Weder Jesus noch Buddha noch Mohammed retten den, der sich nicht selbst zu helfen weiß. Der Song, rabiat, zum Teil frei assoziierend, in Teilen peinlich, in Teilen meisterhaft, existiert leider nur als Heimaufnahme in schlechter Qualität. Es zeigt aber, wozu Lennon fähig war, wenn er nicht auf sein Publikum schielte, wie beim glatten Comeback-Album «Double Fantasy»; was aus ihm womöglich hätte werden können:

You say you found Jesus. Christ!

He’s the only one

You say you’ve found Buddha

Sittin‘ in the sun

You say you found Mohammed

Facin‘ to the East

You say you found Krishna

Dancin‘ in the street

 

Well there’s somethin‘ missing in this God Almighty stew

And it’s your mother (your mother, don’t forget your mother, lad)

You got to serve yourself nobody gonna do for you

You gotta serve yourself nobody gonna do for you

Well you may believe in devils and you may believe in lords,

But if you don’t go out and serve yourself, lad, ain’t no room service here

 

Well, you may believe in Jesus and you may believe in Marx

And you may believe in Marks and Spencer’s

And you may believe in bloody Woolworths

But there’s something missing in this whole bloody stew

And it’s your mother, your poor bloody mother

(She what bore you in the back bedroom

Full of piss and shit and fuckin‘ midwives

God, you can’t forget that awful moment

You know, you should have been in the bloody war, lad

And you would know all about it, well, I’ll tell you something)

 

Das «Hinterzimmer voller Pisse und Scheiße und verdammter Hebammen» – das sind Dinge, von denen man bis dahin und auch danach nicht in der Popmusik hörte und hört. Und die Quintessenz der Lehre jener männlichen Götter und ihrer Anhänger, von Jesus über Mohammed bis Marx, klingt wie für heute geschrieben:

 

We’re gonna set you free

We’ll put you back in the stone age

If you won’t be like me, get it?

 

«Wir befreien euch, und wenn ihr nicht so befreit sein wollt wie wir, bomben wir euch in die Steinzeit zurück, klar?» Anderthalb Jahre später wurde Lennon vor dem Dakota-Gebäude erschossen. Sein Mörder war ein wiedergeborener Christ. Mark David Chapman fühlte sich manchmal wie ein moderner Judas, der dafür sorgen musste, dass der Messias Lennon auch das tat, was man als Messias so tut, nämlich sterben; manchmal glaubte er wiederum, Lennon wäre der Teufel und musste deshalb sterben. Nur für Hier und Heute leben konnte Chapman nicht.

32 Jahre später schrieb Dylan einen Song über den Rivalen: «Roll On, John». Eine kitschige Sieben-Minuten-Hommage unter Verwendung allerlei Zitatfetzen aus Lennon- und Beatles-Liedern:

 

Shine your light

Movin‘ on

You burned so bright

Roll on, John

 

Das Lied enthält allerlei Anspielungen über Lennons Leben nach dem Tod, ein Leben, an das Lennon beharrlich nicht glauben wollte. Kein Wort über die Auseinandersetzung um «Gotta Serve Somebody». Die Kritiker fanden den Song rührend, weil er «die oft übersehene weiche Seite Dylans» offenbare. In Wirklichkeit aber hatte Dylan seinen Kritiker mundtot gemacht, indem er ihn in sein Pantheon als Heiliger aufnahm. So wie es die Religion immer macht.

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