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Ziehen (10) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Sterben

 

Ich hab mich immer gefragt, nein, falscher Start, ich frage mich in letzter Zeit immer häufiger, wann endlich diese Angst aufhört, man könne etwas verpassen oder etwas nicht verstehen. Warum mit dem Alter nicht eine Gelassenheit kommt, dass doch sowieso alles egal ist, dass es doch reicht, dass man weiß, wo man schläft, und in seltenen Fällen, mit wem, was man isst und was man sieht, und wenn das erledigt ist, kann man abtreten, was sollen denn noch zusätzliche Informationen, die nichts Wesentliches mehr verändern an einer Routine, die man sowieso nicht steuern oder beeinflussen kann, leichte Abweichungen vielleicht, aber die erzeugen auch eher nur Irritationen, sehr viel weiter bringen sie uns nicht. Und nicht mehr. Und immer weniger. Man verfällt dann doch wieder in das alte Muster.

Und das einzige, was uns noch bleibt, von dem Wiedehopf, unserem letzten Freund, ist eine Feder, die nicht kitzelt. Zuerst rufen wir den Vögeln im Schwarm nach, dass sie waten sollen, weil wir noch kurz aufs Klo müssen, dann, dass sie schon mal vorfliegen sollen, wir kommen mit dem Taxi nach, dann mit dem Bus, dann bleiben wir einfach hier sitzen und bringen uns das Eierlegen selbst bei, es interessiert uns einfach nicht, wie es dort „unten“ aussieht. Vielleicht ist diese Neugier, die zwar blass und blasser wird, aber trotz allem nie ganz weggeht, das Programm, das uns am Leben hält, das uns atmen macht, essen und uns vermehren. Am Ende erübrigt sich das, und wir können schon mal damit beginnen, uns in die Erde einzubuddeln, oder jemanden zu beauftragen, uns einzubuddeln, uns gleichsam einzusäen, um dann doch noch mal, mit der verbliebenen Restneugier, nachzusehen, wie es da „unten“ aussieht, und statt einem Grabstein können wir uns eine Tür aufs Grab stellen lassen, auf der Ziehen steht, niemals Drücken, denn Drücken, das machen die anderen, die Ungeduldigen, die Drängler, die den Druck machen, die uns letztlich hier her gebracht haben.

Ziehen (9) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Einziehen

 

Ich schaute den ziehenden Vögeln nach, ich glaube es waren Kraniche, ich dachte, die Masche zieht also immer noch, also das, was sie bei uns auslösen, die Mischung aus Bangen, Wehmut und Enttäuschung. Bangen, ob sie es schaffen, Wehmut, weil man gerne mit ihnen mitzöge, und Enttäuschung. Was soll denn dort besser sein als hier? Waren sie hier etwa nicht zufrieden? Ja, auch uns ist kalt, aber wir können nicht so einfach weg, Treue und Dankbarkeit, das ist ihnen wohl fremd. Spatzen können das doch auch, treu sein, und Kleiber, treue Vögel, Treusein aus Dankbarkeit. Stare kennen das nicht, klauen uns die Cocktailkirschen aus den Gläsern und machen sich vom Acker, was fressen sie denn wohl in Afrika? Datteln? Man stelle sich einen Kleiber vor, den es plötzlich nach Datteln gelüstet, macht er nicht, ich weiß das, ein Bursche, auf dessen Wort man bauen kann, und Cocktailkirschen bedeuten ihm sowieso nichts.

Standvögel haben aber keinen Mangel an Ehrgeiz, sondern etwas von jemandem, der ganz froh ist, nicht mehr so interessant zu sein. Vielleicht zogen sie mal, vielleicht sind sie als Irrgast versehentlich hier gelandet, um der Einfachheit halber gleich ganz zu bleiben, aber vielleicht hat der Kleiber sich einfach SDGA als Motto genommen: «Sich den Gegebenheiten anpassen», Zugvögel riskieren, in Italien in Netzen zu landen, man reißt ihnen die Zungen heraus, weil man in perverser Italienhaftigkeit glaubt, Singvogelzungensalat hätte irgendeinen anderen Effekt als den des schieren Sich-Weidens am Abartigen. Die widerspruchsfreie Schwarmleistung auf einem unreflektierten Niveau steht im Gegensatz zu einer pragmatischen Energie-Nutzen-Rechnung, an deren Ende vielleicht die Verschmelzung all der winters Dagebliebenen mit uns steht. Muss ja nicht morphologischer Natur sein, kann ja auch sein, dass sie in unsere Häuser einziehen, in unseren Bettchen schlafen und von unseren Tellerchen essen, und wenn das passiert, kommen ganz schnell die Kuckucke und legen uns ihre Eier ins Bett, die wir ihnen dann ausbrüten können, aber das wird nicht geschehen, weil wir über und über mit Kleibern bedeckt sind, ein ganzer Mantel aus Kleibern, der uns warm hält. Schreit der Kuckuck dann: Reißt ihm die Kleiber vom Leib, lachen die Kleiber nur, und wir mit ihnen, weil sie das falsche Spiel der parasitären Kollegen kennen, das überlegene Lachen derjenigen, die auf der sicheren Seite sind.

Ziehen (8) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Stehlen

 

– Unmöglich, hat Jenny Erpenbeck gesagt, über etwas zu schreiben, was einen nicht interessiere, wie wichtig das Thema auch sei.

– Das hat also Jenny Erpenbeck gesagt?

– Ja, das hat Jenny Erpenbeck gesagt.

– Unmöglich also, übers Ziehen zu schreiben, das interessiert dich doch nicht, nicht?

– Ja, interessiert mich nicht.

– Warum tust du es dann, ist das Thema so wichtig?

– Nicht mal das. Aber ich muss es tun, alleine wegen Jenny Erpenbeck, oder für sie, ich muss das Gegenteil beweisen, über etwas zu schreiben und so zu tun, als würde es mich interessieren.

– Aber jetzt geht dir schon die Puste aus, Ziehen kommt ja nur noch am Rande vor, Onkel, Hechte, Steine, was soll da noch kommen? Sag nicht Jenny Erpenbeck.

– Warum nicht?

– Weil du dir in dem Moment, in dem du sie erwähnst – und ich meine mit dem Zitat –, alles zunichte machst. Hör doch einfach auf, lass das alles so stehen, so kariös, wie es ist, sag vielleicht noch, die Zeichnungen waren zuerst da, die Texte hättest du alibihalber drangepappt.

– Nein, die Zeichnungen haben damit gar nichts zu tun, die hab ich gefunden, nachdem ich etwas über Spatzen schreiben wollte, für Judith Schalansky, die macht doch so Naturbücher. Die Zeichnungen sind ja nicht von mir, die hab ich in so einem Büchlein aus der DDR gefunden, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, so ein Humorbüchlein, völlig unbekannt, kennt kein Mensch mehr.

– Aber das kannst du doch nicht einfach so verwenden! Da muss man doch fragen, die Rechte einholen. Wie heißt denn der Zeichner?

– Keine Ahnung, ich dachte, das merkt eh keiner, im Internet, da ist doch alles von überall her zusammengeklaut.

– Im Gegenteil! Im Internet merkt jeder alles, das Internet vergisst nicht und sieht alles, da laufen kleine Polizisten oder Spinnen herum und registrieren ALLES. Es ist nicht leicht, im Internet ein Nichts zu sein. Also, was jetzt, du wolltest ein Buch über Spatzen für Judith Schalansky schreiben, und dann …

– …hab ich übers Scheitern geschrieben.

– Scheitern? Welches Scheitern, wessen Scheitern?

– Tierisches Scheitern, Tiere scheitern ja auch.

– In was, also wo scheitert ein Tier? Gibt’s das überhaupt?

– Na sicher, ein Eichhörnchen, das die Nuss nicht aufkriegt.

– Naja, ich würde das nicht als Scheitern bezeichnen, Scheitern ist ja, eine Aufgabe nicht zu lösen, etwas, was für uns völlig neu ist. Wenn Tieren etwas nicht gelingt, ist das ja gewissermaßen einkalkuliert, kennt man doch von Fliegen, die nicht und nicht begreifen, dass eine Glasscheibe undurchlässig ist, der Kuckuck, der nicht im Süden ankommt, das ist der fatalistische Kollateralschaden des ganzen Kuckuckprogramms. Interessant wäre doch, wenn der Kuckuck auf halber Strecke umkehren würde, um dann bei einem Standvogel einzuziehen, er ist ja nicht wirklich dumm, er frisst beispielsweise auch haarige Raupen oder solche mit Warnfarbe, er hat wohl gelernt, dass das nur Trug ist. Und warum? Weil er alles das frisst, was die vielen verschiedenen Eltern so anschleppen, er muss die ganze Speisekarte kennen, das ist genetisch bei ihm eingeschrieben.

– Woher hast du das? Aus Wikipedia abgeschrieben?

– Ja.

– Was ist das für ein Drang, alles bei Wikipedia abzuschreiben? Warum machst du das?

– Der Kuckuck ist der «Hauptdarsteller» in einer Kuckucksuhr.

-Wie bitte?

– Dieser Satz steht bei Wikipedia, und er gefällt mir einfach, weil er prototypisch ist für diesen Sound unbeholfener Faktizität, er erheitert mich, mich erheitert zudem die Frage, wer wohl die Nebendarsteller sind, wenn der Kuckuck der Hauptdarsteller in der Uhr ist. Kleiber?

– Mir fällt ein ornithologischer Witz ein. Ein Mann ist über und über mit Kleibern bedeckt. Ein zweiter Mann ruft, auf den Bedeckten deutend, anderen zu: „Reißt ihm die Kleiber vom Leib!“

– Das ist nicht witzig.

– Aber der Name Jenny Erpenbeck ist witzig?

– Ja. Nein. Aber hat einen guten Sound.

– Was denn für ein Sound?

– Das Geräusch der Gedanken einer Ente beim Anblick ziehender Graugänse.

Ich bin der Nachfolger von Maxim Biller Tex Rubinowitz

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Ich sitze mit Maxim Biller in einem sehr großen Flugzeug, es ist vollkommen leer. Biller hat panische Flugangst, er meint, dass das Flugzeug so leer sei, mache es nicht besser, im Gegenteil, in der Gruppe stirbt es sich leichter. Er krallt sich in meinem Arm fest wie ein Oktopus, wenn der statt Saugnäpfen Krallen hätte, und ich denke, er will mir weh tun, damit ich für ihn als Stellvertreter sterbe. Der Flug rumpelt, und Biller krallt immer mehr, wir sausen auf eine mittelalterliche Stadt zu, ich sage, schau, Herr Biller, gleich landen wir, das Flugzeug rutscht einfach so lange, bis es steht. Er antwortet verzweifelt, nein, das kann nicht sein, durch die Reibung wird das Flugzeug zu glühen anfangen, und wir verschmoren wie in einem Backofen, wir rutschen durch die mittelalterliche Stadt, ein Eselskarren weicht uns aus, der Esel scheut, Millionen Melonen kollern von der Ladefläche, das Flugzeug bleibt in einem Torbogen stecken. Biller neben mir ist tot, ich zupfe seine leichenstarren Krallen aus meinem Arm wie Kaktusstacheln.

Als ich aufwache, ist das Erste, was ich mache, im Internet zu schauen, wie es Maxim Biller geht, und was lese ich? Er verlässt das Literarische Quartett. Hm, sollte mein Traum ein verklausulierter Hinweis auf seinen Entschluss gewesen sein? Eine Sendung, die von niemandem gesehen wird (leeres Flugzeug), so wie das Duschgelcamp (heißt wirklich so, der Fehler im Namen ist nur ein Distinkionstest für die Auskenner) und die Darts-WM? Man weiß, dass da etwas unter diesen Bezeichnungen läuft, aber davon, was da genau passiert, hat eigentlich keiner eine Vorstellung. Irgendwas mit Büchern (beziehungsweise mit Würmern und mit Wurfpfeilen), vielleicht ist das ja alles auch nur eine einzige Sendung mit wechselnden Namen, eine Art Platzhalter für etwas Kommendes, ganz Großes. Nur was?

Das Telefon klingelt, es ist Volker Weidermann, der mich fragt, ob ich nicht Lust hätte, Maxim Biller in der Sendung zu ersetzen, ich hätte davon doch sicher in der Zeitung gelesen. Ich sage, ich wäre doch nicht geeignet, ich leide nämlich unter funktionalem Analphabetismus, das heißt, ich kann zwar lesen, habe aber Schwierigkeiten, Zusammenhänge zu erfassen. Das sei egal, sagt er, bei seiner Sendung handle es sich ohnehin nur um eine Simulation. Ich müsse nur so tun, als hätte ich die Bücher gelesen, die sie dort «durchnehmen», ich müsse nur immer gegen alles sein, und meine mitgebrachten Bücher könnten auch vollkommen unbekannt oder sogar erfundene sein, kein Mensch würde das mitkriegen, man befülle nur ein Vakuum mit einem weiteren Vakuum in einem noch größeren Vakuum eines Auslaufmodells namens Fernsehen. Und Bücher? Wer lese denn überhaupt noch Bücher? Ob ich allen Ernstes glaubte, dass Buchkritik außerhalb der Kundenrezensionen von Amazon noch irgendeine «Katze hinterm Ofen hervorlocken» könne (seine Worte)?

Aber warum er denn die Sendung nicht gleich aufgeben könne, frage ich. Ach, Herr Rubinowitz, sagt er, wir seien doch alle menschliche Algorithmen in einem kulturellen Bezugssystem, das sei doch auch der einzige Grund gewesen, warum Biller das gemacht habe, er habe eben geglaubt, er könne seine Bücher mit uns besser verkaufen, sie müssten nicht mal vorkommen, und nun hat er gemerkt, sie verkaufen sich trotzdem nicht. Jetzt wolle er eine andere Taktik probieren. Welche, frage ich.  Na ja, sagt Weidermann, Biller habe jetzt den Flugschein gemacht, fliege die «ganz dicken Brummer». Panisch frage ich ihn, ob es sein könne, dass wir in exakt diesem Moment in einem von Billers «ganz dicken Brummern» säßen. Weidermann lacht. Ja, sagt er, ob ich das nicht witzig fände, dass der Flieger komplett leer sei? Ich kralle mich panisch in seinen Arm, während die Maschine auf die Erde zurast, genauer gesagt auf das Gelände der Leipziger Buchmesse, Weidermann sagt immer noch lachend: Seien Sie unbesorgt, nicht wir rasen auf die Erde zu, sondern die Erde auf uns, und er fragt, ob ich den Job denn jetzt annähme, die Nachfolge von Biller, ob ich mich entschlossen hätte, und ob ich bitte mal seinen Arm loslassen könne? Ich sage: Ja, ich mache es. Und am Tag als wir die erste Sendung aufnehmen wollen, im Berliner Ensemble, wir sind verkabelt und gerade aus der Maske gekommen, mein Buch ist «Der Donnerclown» des vollkommen unbekannten südafrikanischen Autors Boubou Schroeder, verkündet Weidermann:

So liebe Freunde, das war’s mit dem Quartett. Es hat mich sehr gefreut, dieses ehrwürdige Format wiederbeleben zu dürfen, es hat leider nicht geklappt, die Schuhe waren einfach zu groß, und die Zeit ist eine andere. Wir verteilen jetzt Wurfpfeile an alle, und unser neues Quartettmitglied, der liebe Tex Rubinowitz hier, der ist die Zielscheibe. Wer sein Auge trifft, gewinnt das neuste Buch von Boubou Schroeder, von dem ich, ehrlich gesagt, noch nie etwas gehört habe.

Schreiend wache ich auf.

Ziehen (7) Tex Rubinowitz

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Ziehen und sich Hinziehen

Ich hab mal einen Hecht gefangen, mit einer Angel, keiner richtigen, es war nur ein schnöder Stock mit einer Schnur, einem Korken als Schwimmer und am Haken ein Regenwurm, den ich, nachdem ich den Hecht hatte, wieder freiließ, das war in Finnland, das ist keine Kunst. Wenn man geschickt ist, könnte man die Fische auch mit der Hand fangen, ich kann Fliegen fangen, ich weiß jetzt, dass man Vögel werfen kann, also warum nicht auch einen Fisch fangen mit der bloßen Hand? Ok, ich arbeite daran. Aus dem Hecht hab ich eine Suppe gemacht, eine Hechtsuppe, ja, sicher, ich wollte es einfach wissen, was ist es, was zieht an der Hechtsuppe? Muss sie wie Tee ziehen? Wohl eher nicht, je länger man sie kocht, desto blasser wird der Geschmack. Es muss irgendein Wortspiel sein, ich werde es aber nicht googeln, das Rätsel der ziehenden Hechtsuppe soll auf meiner Halde der ungelösten Fragen kompostieren, vielleicht zieht es sich hin, bis eine Hechtsuppe gar ist, weil der muskulöse Fisch ja so festes Fleisch hat, in Portugal gibt’s sogar Steinsuppe, die zieht vermutlich sogar noch länger, Armeleuteessen, sie kochen Steine, die Suppe bekommt das Aroma der auf ihnen wachsenden Flechten, aber ich glaube, das hat eher mit der Illusion zu tun, dass da etwas in der Suppe ist, in Zeiten großer Armut, man warf noch anderes Zeug rein, aber der Stein war die Simulation eines Bratens, so wie Knut Hamsuns Protagonist in «Hunger» Kieselsteine lutscht und sich einbildet, er nimmt etwas zu sich. Nein, es ist ein Märchen, aber das ist auch so langweilig wie vermutlich die Erklärung, was an der Hechtsuppe zieht. Simulationen, Missverständnisse und Geheimnisse sind attraktiver als die alles durchdringende Erklärung für alles. Aha, die Zugvögel schlafen also in der Luft, ohne runterzufallen, wie geht das? Aber das hat man noch nicht rausfinden können, ihr Trick bleibt also da oben irgendwo.

Ziehen (6) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Aufziehen

Als ich klein war, war mein Vater nicht da, das heißt, er war zwar bei uns, physisch anwesend, aber der Vater war ja gelähmt, hüftaufwärts, also seine Beine waren da, aber die wussten nicht, was sie tun sollten, konnten ja nicht so einfach weggehen, sie bekamen ja keine Befehle «von oben». Es gab einen Onkel Werner, das war mein Ziehvater, irgendwann starb mein biologischer Vater, und mein Ziehvater zog bei uns ein und wurde zu meinem richtigen Vater und verlor das Ziehen im Titel sowie den Onkel, er sagte immer, der Onkel hängt nur an der Garderobe, er könne ihn jederzeit wieder überziehen. Meine Mutter schob mich ihm zwar nicht direkt unter wie ein Kuckucksei, er behandelte mich aber wie eines, ließ es mich spüren, ich vermute, weil ich nicht sein biologisches Ei war. So erpresste er mich, indirekt, ich musste sein, wie er mir zu sein vorgab, wenn nicht, würde er den Onkel wieder anziehen, seine Worte, und dann wäre er weg. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wollte aber die Mutter nicht enttäuschen, ich kam mir vor wie der Kitt zwischen beiden, ohne genau definieren zu können, wer Fenster war und wer Rahmen.

Einmal fand ich einen Mauersegler in unserem kleinen struppigen Gärtchen. Er war wohl, statt an der Mauer zu landen, gegen sie geflogen, hatte sich etwas gebrochen oder war nur benommen, vielleicht die eine oder andere Cocktailkirsche zuviel. Ich baute ihm ein Bett aus einer Keksschachtel, versuchte ihn mit gefangenen Fliegen zu füttern, Fliegen fangen ist leicht, man schnappt sie mit der hohlen Hand, indem man sie gegen ihre Startrichtung fängt, sie können nur nach vorne starten, man schüttelt die hohle Faust, dann sind sie benommen und flugunfähig. Aber es war vergeblich, der sieche Vogel verschmähte sie.

Ich warf die Fliegen in ein Spinnennetz, die Spinne nahm sie dankbar an, gab ihnen den Todeskuss und verschnürte jede einzelne wie ein Paket, es sah aus wie ein Kokon, als wolle die Spinne der Fliege helfen, sich zu verpuppen. Als mein Vater den armen Vogel da in der Keksschachtel sah, nahm er ihn und warf ihn in die Luft. Ich dachte noch, etwas, was fliegt, kann man nicht werfen, aber es klappte, der Vogel flog. Offenbar können Mauersegler nur von etwas Vertikalem starten, sie liegen oder sitzen nicht, wissen also auch nicht, wie sie so starten sollen, der Onkel brachte den Vogel aber wieder in die alte Position, in der er sich vor dem Unfall befand, er konnte sozusagen dort weitermachen, wo er aufgehört hatte. Ihn hab ich natürlich nie wieder gesehen, und auch der Vater wurde bald wieder zum Onkel und war weg, meine Rolle als Kitt war bröckelig geworden. Ich konnte nur Fliegen werfen, der Onkel Vögel, ich vermute, wenn es andersrum gewesen wäre, wäre es auch nicht anders gekommen.

«Lass ihn ziehen», dachte ich, hätte ich meiner verheulten Mutter sagen können, er war kein Ziehvater, er ist ein Zugonkel, meine Güte, was für einen Schwachsinn man sich so zusammenassoziiert, nur um sich billig klingelnde Wortspiele zu angeln.

Ziehen (5) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Umziehen

 

Von Muhammed Ali (dem Boxer), ist folgender Ausspruch überliefert: «Wenn ich sage, dass eine Fliege einen Pflug ziehen kann, frage nicht wie, sondern spanne an!» Ich aber sage: Spanne einen Tee oder ein paar Störche vor einen Pflug, und du wirst nichts als Verdruss ernten. Du musst schon die Fäuste sprechen lassen, um Renitenzlinge wie den Tee oder stelzvogelige Froschfresser dazu zu bringen, dass sie ihr Ziehen zu irgendetwas Produktivem umwidmen, das nicht nur ihnen dient. Ali meinte auch nicht einen etwaigen, den Fliegen innewohnenden Ziehimpuls, es ging, wie ich das verstanden habe, eher um Überzeugungsarbeit durch Androhung von Gewalt.

Wer umzieht, schleppt ja auch nicht sein Hab und Gut hinter sich her wie Knecht Ruprecht einen Sack Kartoffeln, das machen die Möbelpacker. Was man aber dennoch zieht, das sind die Erinnerungen an den alten Ort, die bleiben dort noch kleben wie ein Kaugummi, das endlos dehnbar ist und sich nicht löst von der Stelle unter dem Stuhl, auf dem wir die ganze Zeit gesessen sind. Und auch wenn diesen Stuhl die Möbelpacker mitgenommen haben, immer werden wir uns, sobald wir darunter fassen, daran erinnern, wann und warum wir ihn dort deponiert haben. Das ist das alte Leben, das ist der alte Stuhl, der noch im alten Leben steht, auch wenn ihm jetzt eine neue Rolle im neuen Leben zugewiesen wurde, dass neues Leben draufsitzt.

Lenin schöpfte neue Zuversicht beim Anblick ziehender Wolken, ein Möbelpacker denkt vermutlich beim Anblick eines Schwarms ziehender Stare an einen Umzug, das bringt der Beruf mit sich, das Assoziieren, wo andere etwas vollkommen Anderes sehen.

Wenn sich ein Umzugshelfer und ein Ornithologe unterhalten, kann es sein, dass der eine zwar versteht, wovon der andere spricht, aber nicht, was er meint, und das ist auch gut so. Missverständnisse beleben unser Dasein, wenn wir immer alle einer Meinung wären, würden wir einschlafen, und den letzten Zug verpassen, den Zug in den Süden, und wir würden erfrieren, so muss man das mal sehen.

Ziehen (4) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Setzen

Vom Kaffee weiß man, dass er munter macht. Tee hingegen beruhigt angeblich. Früher, als man das gemahlene Kaffeepulver mit heißem Wasser übergoss, weil Filter noch nicht erfunden waren, musste man rühren, bis sich das Pulver am Boden absetzte, und nachdem man die saure Brühe ausgetrunken hatte, konnte man aus dem Satz auch noch seine Zukunft lesen.

Kaffee kann sich also setzen, Tee muss ziehen. Tee, der Zugvogel unter den Getränken, hat das je mal wer gesagt? Nein. Und der Grund ist hier der gleiche wie bei den Türen: Das Ziehen der Vögel ist ja etwas Aktives, es kostet Überwindung, und das entspricht nun so gar nicht dem beruhigenden Charakter des Tees und dem Ziehen an Türen. Spatzen würden demnach Tee trinken, im Teehaus, dessen Tür sie aufgezogen haben. Schwalben trinken Kaffee, sie dürfen ja nicht einschlafen in der Luft, sowenig wie Papageientaucher, die im Winter für mehrere Monate ihre Brutkolonien verlassen und sich dann irgendwo über dem Meer herumtreiben und auf dem Wasser schlafen.

Schläft eine Schwalbe im Flug? Ja, sie tut es, wie wir inzwischen wissen, sie lässt sich aber nicht von unserer Art des Schlafs korrumpieren. Vielleicht auch, um gar nicht erst Träume zuzulassen, Träume sind sogenannte andere Gedanken, andere Gedanken an ein weniger rastloses Leben, eine ruhig geschobene Kugel, vielleicht ein Job in einer Stabreimfabrik, bei der es nur Türen gibt, die man aufzieht, niemals drückt. Ziehen ist Drücken im Fliegen, sagt wer? Keine Ahnung, klingt irgendwie. Irgendwie nach irgendwas.

Kuckucke sind übrigens auch Zugvögel, man glaubt es kaum. Aber woher wissen sie, wie man zieht? Sie haben ja keine Eltern, die ihnen sagen, wann es losgeht und dass man sich vorher vollfressen muss, um genug Energie zu haben für den langen Zug. Ganz einfach, sie absorbieren die allgemeine Unruhe und schließen sich anderen Zügen an, laufen da so mit, machen das, was die anderen machen, und wenn die Zugvögel draufkommen, o.k., ist zu mühsam, wir bleiben einfach hier und trinken Tee, soll der doch ziehen, dann trinken die Kuckucke eben auch Tee, saufen den anderen den Tee weg. Ich denke, sie sind den anderen einfach nur lästig, die anderen denken, wir unter uns, die dicken Parasiten sind allein, vielleicht nicken sie mal etwas zu lang in der Luft ein, und dann sind wir weg, dann sind wir sie los, die Tür ist sozusagen zu, sie wissen nicht, wohin sie sollen, und sterben ratlos vor der Tür in den Süden ihren verdienten Tod. Während ihr Geist in den Kuckucksuhren weiterleben darf.

Ziehen (3) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Blasen

Ich stehe vor einer Flügeltür. Auf dem linken Flügel steht Ziehen, auf dem rechten auch. Ich nehme an, auf der anderen Seite der Türen steht zweimal Drücken; andererseits, die Vorstellung von einer Welt oder auch nur von einem Türproduzenten, dessen Drücken-Schilder schon lange aufgebraucht sind oder der noch nie welche besessen hat und der, weil er nun mal irgendwas anschrauben muss, an den anderen Seiten stumpf ebenfalls Ziehen angebracht hat, ist so unerregend nicht. Und dessen Sohn nur deshalb kein Junkie geworden ist, weil er, statt zu drücken, immer nur gezogen hat, und als er es dann ganz gelassen hat, zu rauchen anfing, aber aus irgendeinem Grund sucht ihn jetzt das Heroindrücken heim, und er zieht nicht an den Zigaretten, sondern pustet, Pusten, das Drücken des Rauchens, also gibt er auch das auf und greift zur Flasche, um die «schrecklichen Schilder in seinem Kopf» zum Schweigen zu bringen. Seine Freundin ist verzweifelt, fleht, er möge doch auch hier nicht anziehen, sondern blasen, das Getränk wieder zurück in die Flasche pusten, aber er murmelt nur was von «Drück mal Senf wieder in die Tube zurück», nimmt einen großen Zug und denkt: der Zug nach Nirgendwo. Seine Freundin isst indessen eine Cocktailkirsche nach der anderen, sie trinkt gar nichts, kriegt nichts runter, zumindest keine Flüssigkeiten, selbst bei der Fellatio bläst sie wirklich, anstatt zu saugen, man nennt das ja auch umgangssprachlich ganz widersinnig blasen. Es passiert allerdings selten, immer nur wenn sie betrunken genug ist von zu vielen mit Alkohol vollgesogenen Cocktailkirschen, und dann stellt sie sich bei der Eichel ihres Freundes immer eine letzte Cocktailkirsche vor, aus der sie den Alkohol bläst, so wie er, wenn es nach ihr ginge, den Alkohol wieder in die Flasche oder ins Glas zurückspuckt. Sie bleiben dann auch nicht lange zusammen, das mit den Türschildern seines Vaters erfährt sie gar nicht, und woher das alles kommt. Wenn sie die Ursachen gekannt hätte, wie alles zusammenhängt, hätte sie therapeutisch dort angefangen, den Vater auf die Verwirrungen seines Sohnes und all der Türbenutzer hingewiesen, wie daraus so ein ungeordnetes Miteinander entsteht, ein unendliches Aneinandervorbeiziehen.

Als der Mann schon sehr alt war, kaum noch in der Lage, Türen zu tischlern, fiel ihm auf, dass er keine Schilder mehr hatte, sie waren aufgebraucht, wie sein Leben aufgebraucht war, er wusste, das würden jetzt seine letzten zwei Türen werden, und dachte sich: Ehe ich auf die dumme Idee komme, meinen besoffenen Sohn zu bitten, auf meinen Grabstein so was Banales wie «Lasst mich ziehen» zu schreiben, hinterlasse ich der Menschheit, dem türbenutzenden Teil der Menschheit, eine Botschaft in meinem Sinne, denn er wusste es die ganze Zeit, dass sein Ziehen/Ziehen-Programm falsch war. Irritierend, aber was heißt schon falsch, was hätte ihn das bekümmern sollen? Sein Plan war eben, lasst die Leute immer nur ziehen, sich ziehend durch ein Missverständnis näherkommen, über diesem kleinen Fehler im Geiste des Fluxus: Das passive, mütterliche Ziehen siegt gegen das aktive, aggressive Drücken. Und mit dem Lied «Pushin too hard» von The Seeds auf den spröden Lippen prägte er vier letzte Schilder, auf die eine Seite der Türen schraubte er Können und Wollen und auf die andere Wollen und Können.

Ziehen (2) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Drücken

Auf der einen Seite der Tür steht Drücken, auf der anderen Ziehen, oder es steht auf zwei Flügeltüren, die sich eben auf unterschiedliche Art öffnen lassen, damit die von innen und die von außen Kommenden Wahlfreiheit haben, es gibt hier aber keine verbindliche Regel, welche Seite wofür vorgesehen ist. Drückt oder zieht ein Rechtshänder eher die rechte Tür, oder gibt es Drückertypen, so wie es Ziehertypen gibt? Drückt das Drücken Entschlossenheit, das Ziehen Zögerlichkeit aus? Ist Drücken aktiv, Ziehen passiv?

Ich hab mich mal an so eine Flügeltür gestellt, für etwa drei Stunden, ich hatte nichts zu tun, außer jeden Tag eine Statistik zu erstellen, und was kam bei dieser Statistik heraus? Mehr Frauen ziehen, mehr Männer drücken. Ich dachte kurz, dann kann man ja gleich statt Ziehen Damen schreiben, und statt Drücken Herren, und die Drücken/Ziehen-Schilder dann auf die Klotüren montieren, aber das ist auch wieder missverständlich. Auffällig ist, dass das Ziehen der Zugvögel ja aktiv ist, also dem Drücken der Türen entspräche, das Stehen der Standvögel demnach dem Ziehen.

Wenn also jetzt ein Spatz durch so eine Tür muss, zieht er, obwohl er kein Zugvogel ist, so muss man das mal sehen, also nur wenn man nächstes Mal vor der Entscheidung Drücken oder Ziehen steht. Wenn in vielen, vielen Jahren der Spatz endgültig mit unserer Gesellschaft verschmolzen, in sie hineindiffundiert ist – oder wir in ihre Welt –, es also Wesen geben wird, halb Mensch, halb Spatz, wird es auch ein Türproblem geben. Die Spatzenmenschen werden sich vor den Türen stauen, der Ziehbegriff wird sich anderswohin verlagern, weg von der Tür, möglich, dass man auf die Türen Salz und Pfeffer schreiben wird, um niemanden auszugrenzen, oder Spatzen und Schwalben, aber das nur in den Stabreimfabriken.

© Tex Rubinowitz