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Aus einem deutschen Lied geschnitten (10) Georg Klein

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«Der Wind hat mir ein Lied erzählt / Von einem Glück unsagbar schön»

 

Von den vier Elementen, aus denen alles in unserer Welt bekanntlich zusammengesetzt ist, verstehen sich drei, die Erde, das Wasser und das Feuer, wie von selbst. Der graue Stein wiegt schwer, bevor wir ihn fallen lassen und auf dem Grund aufschlagen hören. Die Wärme und der Geruch des brennenden Holzes strömen uns, umfangen von Licht, entgegen. Das Wasser bricht die Strahlen der Sonne, und obwohl die Fingerspitzen sein kühles Fließen nicht festzuhalten vermögen, lässt es sich doch mit der hohlen Hand an die Lippen schöpfen und schmeckt in unserem Mund nur beinahe nach nichts.

Allein das vierte Element spendet unseren Sinnen keine gleichermaßen verlässliche Erfahrung. Unsere Haut spürt seine Anwesenheit allenfalls, wenn es in heftige Bewegung gerät oder wenn seine Temperatur jäh wechselt. Es scheint kein Gewicht zu besitzen, obschon es sich doch bis an das Kristall der Himmelsschale erstreckt und folglich mehr als berghoch auf unseren Schultern lastet. Die Gerüche, die es uns zuträgt, sind dem Erdhaften oder dem Feurigen geschuldet, und seine Unsichtbarkeit wird allenfalls mittelbar aufgehoben, sobald es Rauch oder Staub mit sich führt oder wenn es als Wind die Wipfel der Bäume schüttelt.

So versteht die Luft als viertes Element, unser Wahrnehmen zu narren, und das Gehör ist derjenige Sinn, der hierauf mit einem Überschuss an Einbildung reagiert: Die bewegte Luft scheint etwas zu flüstern, ja für uns zu singen. Und den Poeten gefällt es zu behaupten, das ominöse Säuseln habe etwas ganz Bestimmtes zu berichten. Selbst von einem Glück so überwältigend groß, dass unserem Sprechen die angemessenen Worte fehlten, könne niemand anders als ausgerechnet der Wind in einem seiner Lieder erzählen.

Wenn ich der Archäologie Glauben schenken darf, dann sind die ältesten Musikinstrumente unserer Gattung dem Tod geschuldet. In die Knochen von Mammut und Gänsegeier, also von Beutetieren und von Aas, wurden Löcher gebohrt. Und falls wir uns heute nicht völlig in diesen Artefakten irren, haben unsere Urahnen das bearbeitete Gebein an die Lippen gesetzt, um pustend verschieden hohe Töne zu erzeugen.

Voreilig wäre es jedoch, von einem Musizieren in unserem viel späteren Sinne zu sprechen. Wir wissen nicht, wofür die Menschen den Klang dieser knöchernen Utensilien gebrauchten. Womöglich war deren Tönen gegen das Heulen des bitterkalten Windes gerichtet, der ihre Horde tief in eine Felsenhöhle getrieben hatte und dessen Stöße sogar dort noch das wärmende Feuer zum Flackern brachten. Immer ahmte der Mensch nach, was ihm in seiner Schrecklichkeit unbesiegbar schien. Ähnliches sollte Ähnliches bannen. Und der kleine Wind unseres Atems war, gegen eine Knochenkante geblasen, vielleicht in der Lage, das chaotisch brüllende Stürmen der Lüfte durch ein maßvoll geregeltes Auf und Ab, durch eine melodische Ordnung, zu bannen.

So könnte es dereinst gewesen sein. Rätselhaft groß aber bleibt der Sprung hin zu der Vorstellung, der Wind träte uns seinerseits mit einem Lied, also nicht nur mit einer Melodie, sondern dazu mit verständlichen Worten entgegen. Nordamerika gilt als der Kontinent der Stürme. Der Tornado und der Hurrikan sind diesseits und jenseits der Rocky Mountains zu ihren weltweit geläufigen Namen gekommen. Just dort hat auch die Mär vom Wind als Liedermacher viele Anhänger unter denen, die selber dichten und singen. Und folglich wird ihr dort auch auf eine besonders entschiedene Weise widersprochen. Denn unter den vielen amerikanischen Songs, durch deren Text die Lüfte wehen, gibt es einen, der in seinem Refrain von einem Idiotenwind spricht, also von einer Macht, die sich jedem sinnigen Erzählen auf eine fürchterlich blöde, unbezweifelbar elementare Weise entzieht.

 

«Der Wind hat mir ein Lied erzählt»

Text: Bruno Balz

Interpretation: Yulia Peresild

Für Rat aller Art danke ich Wilko de Vries und Stephan Turowski. Kritik und Tipps bitte an georg-klein@ewetel.net.

Aus einem deutschen Lied geschnitten (9) Georg Klein

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«Für immer jung, für immer jung / ein Leben lang für immer jung»

 

Nicht mehr als ein, zwei haltlose Sekunden schwankt die Zeitgewissheit unseres Bewusstseins, wenn wir aus einem Traum erwachen, der in den Kulissen unseres einstigen Jungseins spielte. Dabei war eben noch trügerisch getreu, was uns als Daseinsraum vorgegaukelt wurde. Alle Farben, mit denen die Fassaden gestrichen, die Autos lackiert und unsere Kleidungsstücke der damaligen Mode unterworfen worden waren, schienen die Präsenz jener besonderen Jahre zu bezeugen, als wäre das Licht eine Uhr, die uns verlässlich anzeigt, welche Stunde unseres Lebens es gerade geschlagen hat.

Sind wir ins Wache gestürzt, hat im Nu ein anderer Sinn die Regie der Gegenwart übernommen. Die schiere Schwerkraft signalisiert uns umgehend, wie es sich tatsächlich mit dem Alter unseres Körpers verhält. Wir wälzen uns auf die andere Schulter, und wohlig seufzend oder zwiespältig ächzend, sind wir, eben erst jung gewesen, nun heilfroh, dass wir zumindest noch nicht in jenem letzten Existenzstummel angekommen sind, wo uns morgens, spätestens mit dem ersten Schritt Richtung Bad, vielleicht nicht alle, aber doch einige wesentliche Knochen weh tun werden.

Zu den Privilegien des Jungseins gehörte, dass wir uns keine Gedanken um die späteren Zustände unseres Körpers machen mussten. Wie dies Tag für Tag problemlos gelang, ist in der Rückschau ein Mirakel, hat doch ein jeder die Lebensjahrzehnte, die noch auf ihn zukommen, beständig in Gestalt der älteren Zeitgenossen vor Augen. Diese unlängst oder vor langem Junggewesenen wären zudem stets in der Lage, einen mit Worten an das Schwinden jener zauberhaften Anmut zu erinnern, die nur ein junger Mensch besitzt. Aber mit einer bemerkenswerten Diskretion tun sie dies so gut wie nie. Nur im Ausnahmefall kommt ihnen ein besserwisserisches «Du wirst schon sehen!» über die Lippen, und jene Fotos und Filme, die den verflossenen Liebreiz der mittlerweile Gealterten bezeugen könnten, bleiben in der Regel im Album oder in technisch aufwendigeren Speichern geborgen.

Mein bescheidenes Bildarchiv füllt ein nicht allzu tiefes Zigarrenkistlein. Als eine der ältesten Aufnahmen enthält es ein Foto, das mich als Baby bei meiner katholischen Taufe zeigt. Allerdings ist auf der Schwarzweißaufnahme nicht mein greinendes Säuglingsgesicht der Blickfang, sondern meine dreiundzwanzjährige Tante, die mich auf den Armen trägt und deren jugendliche Schönheit den bieder frommen Akt auf eine nahezu heidnische Weise verzaubert.

Als wir uns volle vier Jahrzehnte später auf einer Beerdigung nach langem Nicht-mehr-Sehen die Hand reichten, meinte dieselbe mit einem mädchenhaft verschämten Lächeln:

«Ach, herrje! Jetzt muss ich dir SO vor Augen kommen!»

Und als ich ihr, ohne dabei schwindeln zu müssen, entgegnete, sie sehe doch blendend aus, meinte sie, ins Flüstern fallend: «Ich weiß! Ich weiß schon, was du meinst, Georg. Aber das ist doch rein gar nichts, verglichen mit früher!»

Der Mensch ist die vergleichende Kreatur. Kein Ding, kein belebter Körper und kein Daseinszustand entgehen unserem Vermögen, einen Vergleich zu ziehen. Aber wir haben auch ein Gespür dafür, wann es klüger ist, diese Potenz zu zügeln. Was Jugend im allerschönsten Fall ist, lässt sich nur um den Preis eines merkwürdigen Missklangs mit den zeitlos tiefen Wonnen unserer Kindheit und den eher nüchternen Glücksfällen späterer Lebensalter vergleichen. Denn nur die Jugend flüstert sich in ihren luziden Momenten sehnsüchtig zu, was gerade sei, möge für immer andauern, und allein die Jungen genießen im selben Bernsteinlicht jene unverwechselbare Wehmut, die ihnen umgehend antwortet, dass genau dies nie und nimmer der Fall sein darf.

 

Bushido, featuring Karel Gott: «Für immer jung»

Text: Bushido, Bernd Mann

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net

 

Aus einem deutschen Lied geschnitten (8) Georg Klein

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«Morgen küsst dich eine andere»

Wenn es einen Wettstreit zwischen den Künsten gibt, dann konkurrieren sie auch darin, den Kuss in ein Bild zu bannen. Und ausgerechnet die jüngste scheint, allein schon durch die schiere Fülle der Exempel, die sie uns schenkt, unbestreitbar die Siegerin zu sein.

Auf der Leinwand der Kinos und im Glas unserer Leuchtschirme, in Schwarzweiß und in allen technologisch möglichen Farben finden ungezählte Münder zueinander. Und je weiter wir uns von den Anfängen der Filmkunst entfernen, umso selbstverständlicher wird, dass diese den Raum aufspannt, in dem sich vor unseren Augen nicht nur die Lebenden küssen, sondern auch eine stetig wachsende Zahl von Toten.

Jeder Filmkuss ist tausend Filmküsse tief. Weder die Malerei noch die Literatur schwimmen in einer vergleichbar dichten Vergangenheit. Auf einem Meer aus bewegten Bildern treibt die Erwartung unserer Heranwachsenden jenem «ersten» Kuss entgegen, von dem es weiterhin zu Recht heißt, dass er eine einmalig exklusive Zweisamkeit und eine stupende Gegenwartsseligkeit zu stiften vermag.

Aber selbst diese Debütanten ahnen, dass es zu ihrem Tun und zu dessen Jetzigkeit nicht nur ein unüberschaubar vielfältiges Davor, sondern auch ein ganz spezielles Danach geben wird. Selbst wenn kein Missklang, kein Ungeschick, keinerlei verhohlene Überforderung den Moment der Momente trübt, auch die erstmals Küssenden haben schon genug vom Gang ihrer Körper durch die Zeit verstanden: Beide Münder werden noch weitere, unter Umständen sogar recht viele andere küssen.

Hierüber insgeheim Bescheid zu wissen, muss den Zauber des Augenblicks nicht schwächen. Jene Lippen, die im Irgendwo auf ihren Auftritt warten, haben ja noch keinen unverwechselbaren Umriss, von Wärme und Feuchte ganz zu schweigen. Und sollten die Küssenden in stiller Parallelität gleichzeitig an diese Zukunft denken, ist höchst unwahrscheinlich, dass einer von ihnen plötzlich davon spricht. Jene kommenden gleichartigen Begegnungen bleiben im Bannkreis des akuten Kusses tabu.

Auch die überwältigende Mehrzahl der Lieder, die vom Küssen und Geküsstwerden singen, beschränkt sich wohlweislich auf die Beschwörung des gegenwartstrunkenen Schwebens und bringt es erst gar nicht in die Gefahr eines künftigen Danach. Dem versierten Texter, der den Vers «Morgen küsst dich eine andere» vor fast neunzig Jahren für einen frühen Tonfilm schrieb, war gewiss klar, welche Grenze er da, mit den Mitteln der Literatur und im Vertrauen auf den Schmelz der Musik, überschritt.

Wer derart einen kommenden Dritten herbeizitiert, evoziert zwangsläufig das Bild der Reihe. Der tiefe Kuss, Inbegriff des glückenden Verharrens, hüpft plötzlich von Gesicht zu Gesicht. Und fühlt man nur kaltblütig genug hin, muss die Serialität der Akteure unweigerlich der Ernüchterung, der Bitternis, womöglich sogar dem existenziellen Grauen in die eisigen Hände arbeiten.

Warum ist dies nicht so, wenn eine Sängerin aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu uns singt? Vielleicht weil ihre damals fast sechzigjährigen Lippen uns bis heute versprechen, dass der kommende Kuss, mit wem auch immer wir ihn tauschen, noch nicht der allerletzte sein muss – zumindest für eine der beiden Serien, die sich klammheimlich in ihm kreuzen.

 

 

«Das Lied ist aus: Frag nicht, warum ich gehe»

Text: Walter Reisch

Interpretation: Marlene Dietrich

 

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

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Aus einem deutschen Lied geschnitten (7) Georg Klein

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«Eins: Hier kommt die Sonne / Zwei: Hier kommt die Sonne/»

 

Auftritt Sonne! Und es bleibt nicht bei Eins und Zwei. Auch nach dem Erklingen der restlichen Ziffern, nach Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht und Neun, wird das Erscheinen unseres Zentralgestirns mit unverändert wuchtigem Ernst beschworen. Es ist, als gelte ein eigenes Sonnenpathos, seriell und statisch, dröhnend und leer zugleich.

Nichts am gesanglichen Vortrag der Verse deutet darauf hin, dass Ironie im Spiel sein könnte. Keine Spur Mehrdeutigkeit, kein Hauch von Zweifel, kein spöttisches Abstandnehmen. Mit dieser monolithischen Sonne lässt sich schlecht scherzen. Umsonst bekommen unsere Kleinen nahegelegt, ihr ein heiteres Antlitz samt Lachmund und bewimperten Augen zu zeichnen. In Wahrheit ist unsere Sonne weder lieb noch gut gelaunt, von Sonnenspäßen, von irgendeinem Sonnenulk ganz zu schweigen.

Um einen naheliegenden Vergleich zu ziehen: Anders erging es mir stets mit Gott. Sogar als ich noch an seine Existenz und sein Wirken glaubte, scheute ich mich nicht, anderen Kindern Witze zu erzählen, in denen der Allmächtige hienieden oder über den Wolken eine komische Figur abgab. Meine Ehrfurcht wie meine Furcht vertrugen sich prima damit, dass er auf die Fallhöhe unseres Humors herabgeholt wurde. Und problemlos fügte sich unter das Firmament meiner Frömmigkeit, was auf dem kurzen Erzählweg hin zur Pointe göttlich bewerkstelligt wurde.

Die Sonne hingegen handelt nicht, wie der Mensch oder sein himmlischer Herr es tun. Was uns nach und nach an Kenntnissen über sie zugewachsen ist, hat die Sonne auch nicht gleich anderen Naturheiligkeiten, gleich dem Mond, dem Wald oder dem Meer, entzaubert, sondern in eine neue Unheimlichkeit gerückt. Sogar unsere grellste kollektive Angst, die Furcht vor einer durch unsere Spezies verschuldeten Klimakatastrophe, beginnt sang- und klanglos zu verblassen, wenn wir das Fleckenspiel in ihrem leeren Gesicht und das unbeeinflussbare Schwanken ihrer Strahlkraft bedenken.

Als ich die Verse vom Auftritt der Sonne zum ersten Mal hörte, empfand ich ein euphorisches Unbehagen, eine merkwürdig klamme Begeisterung. Soll ich die Sonne so preisen, und will ich sie zugleich derart lästern? Schließlich kommt sie morgens so wenig zu uns, wie sie abends von uns geht. Sie ist schlicht auf eine Weise da, die alle verhandelbaren Verhältnisse rettungslos übersteigt. Weder bei «Eins» noch bei «Zwei» wird sie uns irgendeinen Gefallen tun.

Um noch einmal auf Gott zurückzukommen: Andere Sonnenlieder säuseln, ganz ähnlich wie das Kirchenlied, von Dankbarkeit. Licht und Wärme, die Grundlagen allen irdischen Lebens, hätten wir ihr zu verdanken. Aber anders als der latent missgünstige und rachsüchtige Gnadenonkel des christlichen Himmels droht uns die Sonne nicht mit der Verknappung oder dem völligen Entzug ihrer angeblichen Gaben. Was uns erreicht, ist überhaupt kein zielgerichtetes Geschenk, sondern Teil einer ungeheuren Vergeudung, die sich, zufällig nützlich oder zufällig mörderisch, in die astrale Leere ergießt.

Die Sonne scheint. Und wie andere, die den Mund unbedacht allzu voll nehmen, habe auch ich schon behauptet, sie scheine uns. Gegebenenfalls werde ich dies sogar wieder tun. Und dann wird meine Imagination ihr volles Innenlicht und mein Bewusstsein den ganzen ihm möglichen Binnenstolz aufflammen lassen, um zumindest einen tollkühnen Satz lang an die Grammatik dieses «uns», an ein «für uns» oder gar an ein «uns zuliebe» zu glauben.

 

Rammstein: Sonne

Text: Till Lindemann

Coverversion: MissMetal23

(Es lohnt, die eine Minute zu warten, bis die famose Maid zu singen anhebt!)

 

 

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net

Aus einem deutschen Lied geschnitten (6) Georg Klein

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«Wenn du Angst vor der Zukunft hast / kauf dir einen Pool»

 

Ein wunderlicher Ratschlag! Zumindest ein Rat, der sich, hört man ihn gesungen oder gesprochen, nicht von selbst versteht. Wenn ich, semantisch-pedantisch, die verwendeten Verben ins Auge fasse, scheint es auf eine hintersinnig zwiefache Weise um Besitz zu gehen: Angst haben und/oder einen Swimming-Pool sein Eigen nennen. Wobei die Angst vor der Zukunft zweifellos zu den unerwünschten Besitztümern zählt, jedoch durch den monetären Erwerb des anderen Eigentums aufgehoben werden kann. Ungefähr so, wie man mit einer gewissen Berechtigung sagen kann: «Wenn du Mäuse hast, hol’ dir eine Katze! Der Kauf des Zweiten wird dich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vom Ersten erlösen.»

Bis jetzt haben ich und diejenigen, mit denen ich zusammenlebte, nie einen Swimmingpool besessen. Und ich muss weit, bis in meine erste Zeit am Gymnasium, zurückgehen, um unter denen, die mir eine Zeitlang nahekamen, einen – den Einzigen! – ausfindig zu machen, der ein derartiges Privatschwimmbecken nutzen konnte. Die Eltern eines Klassenkameraden hatten sich ein nicht bloß ungewöhnlich stattliches Eigenheim gebaut, sondern einen großen Teil des Grundstücks dafür verwendet, einen negativen Quader in die Erde senken zu lassen. Als ich eines Samstagnachmittags mit meinem Schulfreund erstmals am Rand des Pools stand, rechnete ich noch damit, gleich in diesem amerikanisch-filmisch lichtdurchfluteten Wasser planschen zu können. Aber von dessen Oberfläche her wurde ich eines Besseren belehrt.

Auf einer Luftmatratze trieb der Vater meines Freundes und teilte uns mit, sicherheitshalber müsse er uns das Baden im Pool verbieten. Er habe es nämlich versäumt, während der Woche konsequent nachzuchloren. Eventuell hätten sich gefährliche Bakterien gebildet. Das Risiko sei ihm bei Kindern, noch dazu bei einem Buben, der nicht zur Familie gehöre, einfach zu hoch.

Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, inwieweit ich seine Sorge verstand und ob ich mir seine Bedenken brav zu eigen machte. Vielleicht lenkte mich der Anblick des Poolbesitzers zu sehr ab. Denn dieser war, darauf hatte mich mein Schulfreund nicht vorbereitet, auf eine besondere Weise unvollständig: Bis auf einen kurzen Knubbel fehlte ihm der rechte Arm. Anderenorts, zum Beispiel am Rand eines öffentlichen Schwimmbeckens, hätte mich dies damals, gut zwei Jahrzehnte nach dem letzten Weltkrieg, wenig überrascht. Aber hier, in diesem türkis glitzernden Rechteck, schien mir ein Mann fast zwingend zum Besitz beider Arme verpflichtet.

Mit dem verbliebenen linken stach er in das sachte Gekräusel und lenkte seine Luftmatratze geschickt in die Mitte des Pools. Dessen unzureichend gechlortes Wasser sah er offenbar nicht als eine Gefahr für sich selbst an. Zumindest was den eigenen Leib anging, hatten ihn die in der Vergangenheit durchlittenen Ängste gegen Sorgen kleineren und größeren Kalibers gefeit. Er war schlicht hinreichend versehrt. Aber diese Immunisierung schloss seinen Sohn und mich nicht ein. Unser weiteres Befinden, also die Zukunft derjenigen, in deren Körpern noch schaurig viel kommende Zeit schwappte, war ihm Anlass zu furchtsam vorausäugender Achtsamkeit.

Viel mehr lässt sich eventuell gar nicht erreichen. Jahr um Jahr, Jahrzehnt auf Jahrzehnt, schwimmen wir im Pool der Angst. Selten steht einem das wirkliche Wasser, ab und an allerdings ein imaginäres Nass bis zum Hals. Irgendwann jedoch, sobald das Becken endlich randvoll mit abgetaner Zukunft ist, dürfen wir noch ein knappes, langes Weilchen, zumindest ohne Sorge um uns selbst, auf der türkisen Oberfläche unseres Daseins planschen.

 

Bilderbuch: Plansch!

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries. Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net

 

Aus einem deutschen Lied geschnitten (5) Georg Klein

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/ Brillenmann war natürlich da! /

 Nicht bloß der einzelne Mensch, sondern auch die Prothesen, die ihm die Kultur für seinen Körper baut, ziehen eine bogenförmige Bahn durch die Zeit: Sie gewinnen an Wichtigkeit, durchlaufen eine Hochphase ihrer Verbreitung, um irgendwann seltener, schließlich gar nicht mehr benutzt zu werden, weil sich die Gründe für ihren Gebrauch beseitigen ließen oder bessere Hilfsmittel an ihre Stelle treten.

Dass Männer und Frauen in der Regel am Stock gingen, sobald ein vernutztes Hüftgelenk das Ausschreiten unsicher und schmerzhaft machte, liegt hierzulande wenig mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Und im Fernsehen meiner Kindheit wurde noch ungeniert offensiv für ein Pulver geworben, mit dem sich das künstliche Komplettgebiss, wie es damals auch bei gar nicht so alten Erwachsenen recht häufig war, besonders sicher im Mund festkleben ließ.

Wie Handstock oder Zahnersatz, wie Herzschrittmacher oder Hörgerät gleicht auch die Brille einen chronischen Mangel unseres Körpers auf technischem Wege aus. So gesehen scheint sie Prothese unter Prothesen. Aber ihre Allgegenwart, ihre unübersehbar dichte Präsenz ist zu einem Merkmal geworden, das sie von allen anderen vergleichbaren Hilfsmitteln unterscheidet. Brillenmann, Brillenfrau und Brillenkind gehören zu unserer Familie, zu unserem Freundeskreis, zu unseren Bekannten und Kollegen. Sobald auch nur eine gute Handvoll Menschen zufällig beisammenstehen, ist mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit ein Brillenträger dabei. Ja, womöglich benutzen auch Sie im Augenblick dieser Lektüre eine Lese- oder Gleitsichtbrille, um eine angeborene oder mit dem Älterwerden entstandene Sehschwäche auszugleichen.

Bemerkenswert, dass dieses ubiquitäre Behelfsding parallel zu seiner schlagenden Nützlichkeit auch noch schön sein kann! Wenn Prothesen vorrangig aus ästhetischen Gründen zum Einsatz kommen, wie es zum Beispiel bei Haarersatz, falschen Fingernägeln oder Brustimplantaten der Fall ist, versucht man meist ihre Künstlichkeit mit dem Anschein einer gesteigerten oder idealisierten zweiten Natürlichkeit zu überblenden. Deshalb darf der chirurgisch modellierte Busen in der Regel nicht spektakulär von den Formen abweichen, die eine weibliche Brust, selbsttätig herangewachsen, angenommen haben kann. Und wer sich Hunderte von Haaren umpflanzen lässt, hofft, dass das Ergebnis zumindest annähernd so ähnlich aussieht wie das, was er in jüngeren Jahren als Schopf zu bieten hatte.

Die Brille geht den entgegengesetzten Weg. Sie verleugnet keine Sekunde, dass sie unserem Körper hinzugefügt ist und als Accessoire jederzeit von ihm separierbar bleibt. In Form und Farbe stellt sie ihre Gemachtheit zur Schau. Und der verspielte Chic, die radikale Sachlichkeit oder die provokante Extravaganz des Gestells markieren, wie dies auch Schmuck oder ausgefallene Kleidung vermögen, ein auratisches Magnetfeld um das letztlich Leibliche, das Bedeutungen vielfältiger Art an sich zieht.

Ich weiß nicht, ob die amerikanische Schauspielerin Dorothy Malone privat, also abseits der Hollywoodstudios, Brillenträgerin war. Im Film-Noir-Klassiker «The Big Sleep / Tote schlafen fest» spielt sie eine namenlose «spectacled bookseller», eine Buchhändlerin mit Brille. Ihr einziger Auftritt ist eine lange, unter Cineasten legendär gewordene Flirtszene mit der von Humphrey Bogart verkörperten Hauptgestalt. Die Spannung des zunehmend anzüglichen Dialogs erreicht ihren Höhepunkt, als die Buchhändlerin-mit-Brille just diese von der Nase hebt, weil sie die grazile Prothese für das, was der Film diskret in einem Zeitsprung verbirgt, «not necessarily» braucht.

Schwer vorstellbar, dass sich mit Kontaktlinsen ein ähnlich subtiler Effekt erzielen ließe. Denn wer eine Brille so ostentativ ablegt, entkleidet sich in besonderer Weise: Das Auge, nackt wie vielleicht nichts an unserem Körper, verliert, sobald die Brille fällt, den doppelten Schutz, den ihm die Kultur mit diesem Hilfsmittel verliehen hat: Der Schild der nachweislichen Nützlichkeit sinkt, der Schleier artifizieller Schönheit hebt sich. Beneidenswert, wenn sich dies zwischen Brillenmann und Brillenfrau vollzieht! Denn nur ein bebrilltes Paar wird, solange es diese Prothesen noch geben mag, in der Lage sein, sich derart paritätisch voreinander zu entblößen.

ERFOLG und der beste Damenchor aller Zeiten: «Brillenmann» Text: Johannes von Weizsäcker

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries. Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net

Aus einem deutschen Lied geschnitten (4) Georg Klein

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«Nö, ich zock lieber!»

Ein halbes Leben ist es mittlerweile her, dass ich das erste Spiel der fraglichen Art kennenlernte. Vor mir und einem Freund stand ein Kästchen, mit dessen elektronischem Zutun wir ein virtuelles Tischtennismatch bestreiten konnten. Die schlichte Konsole verfügte über zwei Drehknöpfe und war mit einem Röhrenfernseher verkabelt. Den Bildschirm teilte das zum Strich stilisierte Netz, der hin und her schwebende Ballfleck konnte mit einem vertikal verschiebbaren Bälkchen, dem Repräsentanten des Spielers, ins jeweils andere Feld zurückgeprellt werden.

Was meine Fingerspitzen bewerkstelligten, was meine Augen als TV-Bild wahrnahmen, verlief trügerisch gleichzeitig. Die Hand fütterte die Konsole mit Bewegung, und mein Bildschirm-Alter-Ego schien prompt zu gehorchen. Unwillkürlich bildete ich mir ein, zu tun, was da im Glas geschah. Im Bann der steten Anschauung und im engen Takt der minimalistischen, aber obligatorischen Handarbeit verschränkte sich mein äußeres Ich mit dem, was mir das Spiel als virtuellen Akteur anbot.

Ihm wie mir schien gemeinsam zunehmend mehr zu gelingen, aber auch die Fehlschläge fesselten uns aneinander. Diese Form der Verdopplung und Verkopplung, dieses merkwürdig innige Zwei-Sein gefiel mir, aber die Armut der Handlungsmöglichkeiten und die Monotonie des bildlichen Geschehens begannen mich irgendwann zu langweilen. Ich war technisch zu unerfahren, technologisch zu naiv, vielleicht auch zu jugendlich denkfaul, um zu bemerken, dass da, vor dem Röhrenfernseher, die Finger auf einem plumpen Drehknopf, ein neuartiges Spielen seinen Anfang genommen hatte.

So weit die Frühzeit. Der Satz «Nö, ich zock lieber!» markiert weltweite Gegenwart. Der Fortschritt der Rechnertechnologie macht mittlerweile Games möglich, die in der visuellen Gestaltung ihrer Handlungswelten fast jeden Hollywoodfilm in den Schatten stellen und in puncto Figuren- und Handlungsreichtum fetten Romanen das Wasser reichen.

Mit derartigen Vergleichen wird sich allerdings eher der Nicht- oder Gelegenheitsspieler abgeben. Der hartgesottene Zocker braucht keine Legitimation, die sein Tun an konkurrierenden Künsten misst. Sein schnödes «Nö!» erteilt nicht bloß dem Romanschmökern oder Block-Buster-Glotzen eine Absage. Ebenso gering geschätzt wird alles, was zu den scheinbar selbstverständlichen, fraglos legitimierten Topspielen unserer Gesellschaft zählt: die Karriere wie der gehobene Konsum, die Vermögensbildung wie das Familiengründen, die Selbstoptimierung genauso wie der perfekte Sex.

Es fällt leicht, in einem solchen Fall von Sucht zu sprechen. Aber unter dem Deckmantel dieses ächtenden Begriffs verschwindet, dass es nie zuvor eine vergleichbar grandiose Verschränkung von Hand und Auge, von Bild und manueller Bildmanipulation gegeben hat. Wer diese Spiele spielt, weiß durchaus, dass er nicht der Schöpfer der Welt ist, die er virtuell erlebt. Aber der Raum, die Zeit und die Handlungsmöglichkeiten, die ihm Rechner und Programm aufspannen, lassen ihn zum Wirkgott der gebotenen Bildfolgen werden. Als dieser kleine Zockgott kann er eine Fülle von sichtbar Machbarem bewerkstelligen, so er seinen Teil an flinker Fingerarbeit, an Konzentration, an Lernbereitschaft und Durchhaltevermögen aufbringt. Dann hält auch das Spiel, was es verspricht.

Wäre ich heute jung, hätte mich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Zocken am Schopf. Stattdessen bin ich in das chronische Verfertigen von Literatur geraten. Einbilden darf ich mir hierauf nichts. Denn dass ich die Schnittstellen, die mir die Spielmaschinen boten, unberührt ließ, war bloß der Gunst oder Ungunst der frühen Geburt, der Dürftigkeit jenes ersten Spiels und später dann dem Ungeschick meiner Finger und der Lahmheit meiner Reflexe geschuldet.

 

Y-Titty: «Ich zock lieber»

 

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

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Die lindernde Stimme im Ohr Georg Klein

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Womit unsere Fußballkommentatoren in Wirklichkeit ringen

Erneut schwieg er erstaunlich viel. Auch zurückliegende Woche war von dem, der das zweite Europameisterschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft fürs Fernsehen kommentierte, mehr als die Hälfte der Zeit rein gar nichts, nicht einmal ein Räuspern oder ein tiefes Durchschnaufen, zu hören. Und in den vielen, oft merklich langen Phasen dieses Stillseins dominierte unser Ohr stattdessen jenes diffuse Ineinanderklingen vieler tausend Stimmen, das die Mikrophone im Stadion einfangen und das man im Jargon der tonverarbeitenden Medien «Atmo» nennt.

Ich kann mich erinnern, dass es gelegentlich schon Übertragungen gab, bei denen die Leitung zum Kommentator eine Zeitlang ausfiel. Schon bevor die Studioregie einen Ersatzton lieferte, hatte mich und meine Beisitzer vor dem jeweiligen TV-Gerät ein merkwürdig klammes Gefühl beschlichen. Offenbar genügt eine gewisse Überschreitung der üblichen Sprechpausenlänge, und unsereiner verspürt, wie Millionen andere Bildschirmzuschauer auch, eine Art Abriss, die unangenehme Ahnung, dass man ohne Vorwarnung mit dem Bild und dessen jäh aufklaffender Ferne allein gelassen worden ist.

Eigentlich eine überraschende Beklommenheit! Denn oft genug wird das, was uns die Kommentatoren an Text zu bieten haben, als überflüssig, ja als läppisch oder gar ärgerlich empfunden. Auch beim Polen-Spiel am Freitag rissen meine Frau und einer unserer Söhne Witze über das, was der Mann am Mikro für mitteilenswert hielt. Wem gilt die Aufklärung, wenn wir zu hören bekommen, dass Boateng und Lewandowski – wer hätte es gewusst! – beide bei Bayern München spielen? Wessen Augen bedürften des Hinweises, dass es gerade – Piszczek hält den Ball mit beiden Händen über dem Schopf! – Einwurf für Polen gibt? Und warum bekommen wir zu hören, dass erst zwanzig Minuten vorüber sind und damit noch mehr als die Hälfte der ersten Halbzeit vor uns liegen, wo doch die verflossene Spielzeit auf die Sekunde genau beständig ins Bild eingeblendet ist und sich die Differenz zu den wohlbekannten 45 Minuten ohne besondere Rechenkünste bestimmen lässt?

Die Aversion gegen die Banalität, die Redundanz und die dürftige Floskelhaftigkeit des jeweils gebotenen Kommentars kann so weit gehen, dass der Zuschauer zur Fernbedienung greift und sich des Tons beraubt, auf den er bloß noch mit Gereiztheit zu reagieren vermag. Auch ich habe dies gelegentlich versucht, jedoch stets nicht allzu lange durchgehalten. Ein merkwürdiger Horror vacui wurde schnell noch unangenehmer als die Überempfindlichkeit gegen das, was da als Begleittext zum Bild geboten wurde.

Könnte es sein, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir von unseren Kommentatoren die überraschende Information, die subtile Beobachtung, das unmittelbar treffende Urteil und die spontan gekonnte Formulierung erwarten? Vielleicht ringen diese Begleitstimmen – insgeheim und zugleich offensichtlich – mit einer Misslichkeit, die grundsätzlich mit der Medialität des Moments zu tun hat: Wir sehen scheinbar alles, wir sehen es zum Teil sogar mehrfach und aus verschiedenen Perspektiven, aber wir sind doch nicht wirklich dabei.

Im Internet, dem jüngsten Medium, das Bild und Ton parallelisiert, fanden sich schon einen knappen halben Tag nach dem Spiel dessen sogenannte «Highlights», und wer mag, kann seitdem beliebig oft prüfen, wie der Kommentator diese wenigen besonderen Augenblicke nahezu zeitgleich mit seinem Wort in eine zweite tiefere Sinnlichkeit zu bannen versucht. Erhellend könnte sein, sich zudem auf derselben virtuellen Plattform eine zweieinhalbminütige Swing-Nummer aus dem Jahre 1949 anzuhören und die Fotos zu betrachten, die diesem Tondokument beigegeben sind. Das Orchester Count Basie spielt:

«Did you see Jackie Robertson hit that ball?»

In just dieser Frage scheint mir seit mehr als einem halben Jahrhundert der ganze Zauber sportlicher Teilhabe enthalten. Wer damals, als das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, «Nein!» sagen musste, tat dies im schmerzlichen Bewusstsein, einen einmaligen Moment verpasst zu haben. Wer hingegen «Ja! Ja!» stammeln durfte, gehörte zu denen, die auf den Rängen des Baseball-Stadions, eingebunden in den Jubel der Anwesenden, erfahren hatten, zu welch großartigen Lichtpunkten der moderne Mannschaftssport den trüben Fluss unserer Zeit verdichten kann.

«Ö – ö – ö –zil-ll!», trompetete uns ZDF-Kommentator Oliver Schmidt letzten Donnerstag ins kollektive Ohr, als unser aller Mesut ein Zuspiel von André Schürrle direkt abnahm und den Ball aufs polnische Tor jagte.

«Ö- ö – ö – zil –ll!» Fürwahr kein rhetorischer Geniestreich und, medienhistorisch gesehen, eigentlich ein Rückfall in selige Radiozeiten. Aber wir wollen nicht ungerecht sein: ein kleiner Trost, eine Linderung unseres  Distanzschmerzes, eine kurze Ablenkung von der ganzen Fatalität unseres gespenstisch unwirklichen Pseudo-Dabei-Seins war es schon.

Aus einem deutschen Lied geschnitten (3) Georg Klein

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«Ich muss was gegen das Nichtstun tun»

Geben wir es ruhig zu: Bei uns allen kommt es ab und an vor, dass wir uns in irgendeinem Lebenszusammenhang Untätigkeit vorwerfen. Das Ich gelobt Besserung. Ein Vorsatz, der ein überfälliges, ein allzu lang versäumtes Handeln anpeilt, wird gefasst. Und dem angeblichen Gegenspieler, dem Nichtstun, wird der Kampf erklärt. So weit die gängige, das Gemüt traktierende Praxis.

Genau besehen, habe ich allerdings Mühe, mir einen schlicht nichts, einen rein garnichts tuenden Zeitgenossen vorzustellen. Irgendetwas macht unsereins heutzutage doch immer. Zumindest tippt oder wischt eine Fingerspitze auf dem Glas des Smartphones herum. Und solange ein Glied unseres Körpers in derartig unzufälliger Bewegung befangen ist und Auge und Aufmerksamkeit von einem mehr oder minder bewegten Bild in Beschlag genommen werden, kann man doch eigentlich nicht von einem Nichtstun im strengen Sinne des Wortes sprechen.

Sogar diejenigen Zeitgenossen, die mit gekreuzten Beinen, den nackten Fußboden oder einen harten Meditationshocker unter dem Hintern, nichts weiter versuchen, als ihrem Atem hinterherzuhorchen, scheinen mir eindeutig Tätige. Bereits die Einübung ihres speziellen Dasitzens ist ein von fester Absicht geleitetes Machen gewesen, danach galt es, mit stetig erneuerter Disziplin dabeizubleiben, und so kommt mir ein derart still in sich Versenkter letztlich wie ein besonders konzentriert Arbeitender vor.

Eventuell gibt es das Nichtstun gar nicht? Womöglich kennt und kannte unsere Spezies immer nur eine grob oder fein gestufte Hierarchie von Handlungen. Tätig wäre dann auch derjenige, der stundenlang auf den Fernseher gafft, tätig auch die vielen, die in einer sogenannten Agentur für Arbeit, stoisch oder verzweifelt, auf das Beratungsgespräch mit ihrem Sachbearbeiter warten. In ein Tun befangen bleibt, wer sich der Muße einer belletristischen Lektüre oder dem besinnlichen Verweilen in seinem Garten hingibt.

Dann wäre das sogenannte Nichtstun in erster Linie ein Schmähwort. Es diente hauptsächlich dazu, Beschäftigungen, die in der Skala der möglichen und geläufigen Machenschaften ganz unten stehen, wie das Biertrinken an einem Kneipentresen oder das Pornogucken im Internet, zu diskreditieren. Ein geringgeschätztes oder gar verachtetes Tun wird kurz und bündig als Nichtstun abqualifiziert, obwohl der als Nichtstuer geschmähte Akteur mit «Fehltuer» oder «Irrtuer», also als einer, der angeblich gebotene Handlungen zugunsten minderwertigen Tuns versäumt, präziser gescholten wäre.

Ich spüre den Trost, den es spendet, dem Nichtstun auf diese Weise seine Existenz streitig zu machen. Er ist trügerisch. Denn was mich betrifft, muss ich leider davon ausgehen, dass jenes ominöse Garnichtstun irgendwo in meiner Welt sein verborgenes Reich hat. Ich schließe auf sein heimliches Dasein, weil ich seit langem beobachte, dass ich nicht zum Nichtstun in der Lage bin. Nur ganz selten habe ich an seine Grenzen gerührt, eigentlich nur die wenigen raren Male, als mich eine Krankheit so entkräftete, dass ich mir bis auf das schlückchenweise Schlürfen von Tee und wirres Dösen kein beobachtbares Tun mehr vorstellen konnte.

Zuletzt kam ich meinem möglichen Nichtstun heute Morgen nahe, als ich erstaunlich matt, mit Gliederschmerzen und schwerem Kopf, erwachte. Aber im Nu fiel mir das Lied ein, über dessen eingangs zitierten Vers ich schreiben wollte. Folglich ist selbst dieser Text, dem Sie, tüchtig tätig, gleich bis in seine letzte Zeile gefolgt sein werden, meinem chronischen Unvermögen, nichts zu tun, geschuldet. Und in jedem Satz, mit dem ich der Sängerin widerspreche, verrät sich die Sehnsucht, mir endlich doch noch jenes Territorium zu erobern, aus dem sie singend, also entschieden tuend, entkommen zu wollen vorgibt.

 

Balbina: Nichtstun

Aus einem deutschen Lied geschnitten ( 2 ) Georg Klein

von

 

«Ich kann tanzen / Doch ich tanze nicht»

 

Irgendwann muss das Missgeschick seinen Anfang genommen haben. Und liebend gern stelle ich mir vor, dass es eine lange, paradiesisch andersartige Vorzeit gegeben hat. Vielleicht dürfen noch heute Ethnologen in einem entlegenen Winkel des schrumpfenden Regenwalds einen Stamm beobachten, dessen Gemeinschaft die fatale Differenzierung, die ich meine, noch nicht zerspaltet: Frau, Mann und Kind, Alt und Jung, Rank und Krumm, alle hopsen ausnahmslos ähnlich zu Gesang und Getrommel herum. Und keiner, der dies sieht, käme auf die Idee, die beteiligten Individuen in gute, in mittelmäßige und in schlechte Tänzer zu scheiden.

Anders auf den modernen Tanzböden: Dort scheinen wir genau hierfür mit untrüglichem Scharfblick geschlagen. Unabhängig davon, inwieweit uns das fragliche Vermögen selbst gegeben ist, wir sehen, ohne Mühe und ohne Kriterien bemühen zu müssen, gleich aufs erste Hinschauen, wer unter denjenigen, die sich da in den Hüften wiegen, zu denen gehört, die fraglos glänzend tanzen können. Und ebenso klar erkennen wir das unglückselige Ende der Skala, wo sich jene abstrampeln, denen weder heißes Verlangen noch angestrengtes Bemühen in den ersehnt stimmigen Ausdruck hinüberhelfen.

«Ich kann halt nicht gut tanzen!» habe ich im Lauf der Jahre, mehr oder minder resigniert, aus dem Munde einer ganzen Reihe von Geschlechtsgenossen gehört, während sich Frauen, die eventuell etwas Ähnliches von sich dachten, sich mir gegenüber kein einziges Mal zu einem derart verschämt schamlosen Bekenntnis hinreißen ließen. Sogar unter jenen Männern, die zweifellos über eine überdurchschnittliche Musikalität verfügen und dies, an einem Instrument und noch dazu lauthals singend, unter Beweis stellen können, gibt es welche, die in selbstverfassten Liedern ironisch bis trotzig kokett auf ihr tänzerisches Defizit verweisen.

Um so seltsamer, wenn sich einer ans Klavier setzt und singt, er könne sehr wohl tanzen, tue dies aber nicht. Er lasse dieses Vermögen bewusst ungenutzt, so wie er auch auf Anderes, was er perfekt beherrsche, jetzt und in Zukunft zu verzichten gedenke: auf das Singen genau so wie auf das Lesen und sogar auf das Weinen, das wir, als die angebliche Krone der Schöpfung, ganz selbstverständlich zu unserem exklusiven Ausdrucksrepertoire rechnen.

Ich bin mir nicht sicher, ob andere Tiere, ob zum Beispiel unsere beliebtesten Schlachtopfer, also Huhn, Schwein und Rind, wirklich nicht weinen können. Aber ich glaube, dass kein Geschöpf außer dem Menschen tanzt. Was wir anderen höheren Arten, zum Beispiel den balzenden Vögeln, als Tanz andichten, ist wahrscheinlich bloß ein starres Programm, dem ihre Hirne und die von diesen gesteuerten Glieder seit Jahrtausenden, ohne die Wahl zu haben, automatenhaft gehorchen.

Der Mensch könnte tatsächlich das bislang einzige Wesen auf diesem Planeten sein, das aus freien Stücken und immer wieder verblüffend variantenreich das Tanzbein schwingt. Und damit nicht  genug: Dieses Privileg kann von dem, der es gekonnt zu gebrauchen wüsste, durch Verweigerung negiert werden. Hierfür gibt es unter Umständen gute schlimme Gründe. Wie traurig!  So traurig, dass diese besondere Tanzversagung, der Tanzverzicht des Könners, eine letzte Träne wert wäre, bevor auch unser Weinen einer nur uns möglichen Verneinung zum Opfer fällt.

 

 

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net