Aus einem deutschen Lied geschnitten (8) Georg Klein

von

 

«Morgen küsst dich eine andere»

Wenn es einen Wettstreit zwischen den Künsten gibt, dann konkurrieren sie auch darin, den Kuss in ein Bild zu bannen. Und ausgerechnet die jüngste scheint, allein schon durch die schiere Fülle der Exempel, die sie uns schenkt, unbestreitbar die Siegerin zu sein.

Auf der Leinwand der Kinos und im Glas unserer Leuchtschirme, in Schwarzweiß und in allen technologisch möglichen Farben finden ungezählte Münder zueinander. Und je weiter wir uns von den Anfängen der Filmkunst entfernen, umso selbstverständlicher wird, dass diese den Raum aufspannt, in dem sich vor unseren Augen nicht nur die Lebenden küssen, sondern auch eine stetig wachsende Zahl von Toten.

Jeder Filmkuss ist tausend Filmküsse tief. Weder die Malerei noch die Literatur schwimmen in einer vergleichbar dichten Vergangenheit. Auf einem Meer aus bewegten Bildern treibt die Erwartung unserer Heranwachsenden jenem «ersten» Kuss entgegen, von dem es weiterhin zu Recht heißt, dass er eine einmalig exklusive Zweisamkeit und eine stupende Gegenwartsseligkeit zu stiften vermag.

Aber selbst diese Debütanten ahnen, dass es zu ihrem Tun und zu dessen Jetzigkeit nicht nur ein unüberschaubar vielfältiges Davor, sondern auch ein ganz spezielles Danach geben wird. Selbst wenn kein Missklang, kein Ungeschick, keinerlei verhohlene Überforderung den Moment der Momente trübt, auch die erstmals Küssenden haben schon genug vom Gang ihrer Körper durch die Zeit verstanden: Beide Münder werden noch weitere, unter Umständen sogar recht viele andere küssen.

Hierüber insgeheim Bescheid zu wissen, muss den Zauber des Augenblicks nicht schwächen. Jene Lippen, die im Irgendwo auf ihren Auftritt warten, haben ja noch keinen unverwechselbaren Umriss, von Wärme und Feuchte ganz zu schweigen. Und sollten die Küssenden in stiller Parallelität gleichzeitig an diese Zukunft denken, ist höchst unwahrscheinlich, dass einer von ihnen plötzlich davon spricht. Jene kommenden gleichartigen Begegnungen bleiben im Bannkreis des akuten Kusses tabu.

Auch die überwältigende Mehrzahl der Lieder, die vom Küssen und Geküsstwerden singen, beschränkt sich wohlweislich auf die Beschwörung des gegenwartstrunkenen Schwebens und bringt es erst gar nicht in die Gefahr eines künftigen Danach. Dem versierten Texter, der den Vers «Morgen küsst dich eine andere» vor fast neunzig Jahren für einen frühen Tonfilm schrieb, war gewiss klar, welche Grenze er da, mit den Mitteln der Literatur und im Vertrauen auf den Schmelz der Musik, überschritt.

Wer derart einen kommenden Dritten herbeizitiert, evoziert zwangsläufig das Bild der Reihe. Der tiefe Kuss, Inbegriff des glückenden Verharrens, hüpft plötzlich von Gesicht zu Gesicht. Und fühlt man nur kaltblütig genug hin, muss die Serialität der Akteure unweigerlich der Ernüchterung, der Bitternis, womöglich sogar dem existenziellen Grauen in die eisigen Hände arbeiten.

Warum ist dies nicht so, wenn eine Sängerin aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu uns singt? Vielleicht weil ihre damals fast sechzigjährigen Lippen uns bis heute versprechen, dass der kommende Kuss, mit wem auch immer wir ihn tauschen, noch nicht der allerletzte sein muss – zumindest für eine der beiden Serien, die sich klammheimlich in ihm kreuzen.

 

 

«Das Lied ist aus: Frag nicht, warum ich gehe»

Text: Walter Reisch

Interpretation: Marlene Dietrich

 

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net