Aus einem deutschen Lied geschnitten (7) Georg Klein

von

«Eins: Hier kommt die Sonne / Zwei: Hier kommt die Sonne/»

 

Auftritt Sonne! Und es bleibt nicht bei Eins und Zwei. Auch nach dem Erklingen der restlichen Ziffern, nach Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht und Neun, wird das Erscheinen unseres Zentralgestirns mit unverändert wuchtigem Ernst beschworen. Es ist, als gelte ein eigenes Sonnenpathos, seriell und statisch, dröhnend und leer zugleich.

Nichts am gesanglichen Vortrag der Verse deutet darauf hin, dass Ironie im Spiel sein könnte. Keine Spur Mehrdeutigkeit, kein Hauch von Zweifel, kein spöttisches Abstandnehmen. Mit dieser monolithischen Sonne lässt sich schlecht scherzen. Umsonst bekommen unsere Kleinen nahegelegt, ihr ein heiteres Antlitz samt Lachmund und bewimperten Augen zu zeichnen. In Wahrheit ist unsere Sonne weder lieb noch gut gelaunt, von Sonnenspäßen, von irgendeinem Sonnenulk ganz zu schweigen.

Um einen naheliegenden Vergleich zu ziehen: Anders erging es mir stets mit Gott. Sogar als ich noch an seine Existenz und sein Wirken glaubte, scheute ich mich nicht, anderen Kindern Witze zu erzählen, in denen der Allmächtige hienieden oder über den Wolken eine komische Figur abgab. Meine Ehrfurcht wie meine Furcht vertrugen sich prima damit, dass er auf die Fallhöhe unseres Humors herabgeholt wurde. Und problemlos fügte sich unter das Firmament meiner Frömmigkeit, was auf dem kurzen Erzählweg hin zur Pointe göttlich bewerkstelligt wurde.

Die Sonne hingegen handelt nicht, wie der Mensch oder sein himmlischer Herr es tun. Was uns nach und nach an Kenntnissen über sie zugewachsen ist, hat die Sonne auch nicht gleich anderen Naturheiligkeiten, gleich dem Mond, dem Wald oder dem Meer, entzaubert, sondern in eine neue Unheimlichkeit gerückt. Sogar unsere grellste kollektive Angst, die Furcht vor einer durch unsere Spezies verschuldeten Klimakatastrophe, beginnt sang- und klanglos zu verblassen, wenn wir das Fleckenspiel in ihrem leeren Gesicht und das unbeeinflussbare Schwanken ihrer Strahlkraft bedenken.

Als ich die Verse vom Auftritt der Sonne zum ersten Mal hörte, empfand ich ein euphorisches Unbehagen, eine merkwürdig klamme Begeisterung. Soll ich die Sonne so preisen, und will ich sie zugleich derart lästern? Schließlich kommt sie morgens so wenig zu uns, wie sie abends von uns geht. Sie ist schlicht auf eine Weise da, die alle verhandelbaren Verhältnisse rettungslos übersteigt. Weder bei «Eins» noch bei «Zwei» wird sie uns irgendeinen Gefallen tun.

Um noch einmal auf Gott zurückzukommen: Andere Sonnenlieder säuseln, ganz ähnlich wie das Kirchenlied, von Dankbarkeit. Licht und Wärme, die Grundlagen allen irdischen Lebens, hätten wir ihr zu verdanken. Aber anders als der latent missgünstige und rachsüchtige Gnadenonkel des christlichen Himmels droht uns die Sonne nicht mit der Verknappung oder dem völligen Entzug ihrer angeblichen Gaben. Was uns erreicht, ist überhaupt kein zielgerichtetes Geschenk, sondern Teil einer ungeheuren Vergeudung, die sich, zufällig nützlich oder zufällig mörderisch, in die astrale Leere ergießt.

Die Sonne scheint. Und wie andere, die den Mund unbedacht allzu voll nehmen, habe auch ich schon behauptet, sie scheine uns. Gegebenenfalls werde ich dies sogar wieder tun. Und dann wird meine Imagination ihr volles Innenlicht und mein Bewusstsein den ganzen ihm möglichen Binnenstolz aufflammen lassen, um zumindest einen tollkühnen Satz lang an die Grammatik dieses «uns», an ein «für uns» oder gar an ein «uns zuliebe» zu glauben.

 

Rammstein: Sonne

Text: Till Lindemann

Coverversion: MissMetal23

(Es lohnt, die eine Minute zu warten, bis die famose Maid zu singen anhebt!)

 

 

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries.

Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net