Asterix Fil Tägert

von

 

Der erste Comic in meinem Leben war ein Asterix-Album, das ich geschenkt bekam, als ich vier oder fünf war. Noch nicht lesen könnend, konzentrierte ich mich auf die Bilder und versuchte zu verstehen, was da abging. Es waren viele Bilder, und in den meisten war irre viel los. Die Figuren ähnelten einander so sehr, dass ich sie nicht auseinanderhalten konnte. Alle hatten sie Schnauzer, dicke Nasen und Bierbäuche. Keiner war jung, alle sahen aufgedunsen und ungepflegt aus und hatten gerötete Wangen. Das waren Alkoholiker, oder? Sie verhielten sich jedenfalls so: Entweder schlugen sie sich gegenseitig die Fresse ein, oder sie lagen sich heulend in den Armen. Die paar Frauen, die mitmachten, schienen nur am Meckern zu sein.

Ich musste an unseren Nachbarn Erwin denken, der ein Stockwerk über uns wohnte, was er aber immer wieder zu vergessen schien. Mindestens einmal pro Woche pflegte er mitten in der Nacht bei uns zu klingeln und gegen die Tür zu hämmern.

«Lasst mich rein!», brüllte er. Den Rest der Woche hämmerte er oben bei sich, wo sie ihn aber auch nicht reinließen.

Einmal, als meine Eltern nicht da waren, rumpelte er so heftig gegen unsere Tür, dass ich Angst hatte, er könne sie kaputtmachen. Außerdem tat er mir leid. Darum machte ich auf. Damit hatte er nicht gerechnet. Er fiel fast durch den Türrahmen in die Wohnung.

«Sie müssen noch einen Stock höher», sagte ich in meinem Frotteeschlafanzug. Dann sagte ich’s noch mal, ohne Zahnspange.

Erwin fing an zu weinen.

«Du bist ’n peiner Junge», sagte er und strich mir übers Haar, «du bist nich so wie die alte Hexe da oben. Du verstehst mich.»

Er wusste also, dass er nicht hier wohnte. Ich war erleichtert. Allerdings ging er auch nicht, sondern setzte sich auf den Teppich, den Rücken gegen den Schuhschrank , zog mich zu sich herunter und legte mir den Arm um die Schulter. Meine Erleichterung flog davon wie der orientierungslose Schmetterling, der sie war.

«Ick hab nich in’n Krieg jewollt. Und nich für Adolf», schluchzte Erwin.

„Mussten Sie denn gehen?“, fragte ich.

«Nich für Adolf!», rief Erwin, «Nich für Adolf!»

«Doof», murmelte ich.

«Aber du bist’n guter Junge», sagte er und küsste mich feucht und stachelig auf die Wange. «Du bist’n peiner Junge.»

Dass ich so gut und pein war, schien ihn zu beruhigen.

Irgendwann kamen meine Eltern und führten ihn die Treppe hoch in die eigene Wohnung, wo er dann seine Frau und seinen Sohn verprügelte.

Das machte Erwin fast jede Nacht. Die Wände bei uns im Märkischen Viertel waren so dünn, dass wir unten alles mitkriegten. Immer zur Einschlafzeit, wenn ich im Dunkeln im Bett lag, hörte ich ihn oben zuschlagen und Frau und Sohn schreien. Erwins Sohn war schon achtzehn, aber geistig behindert. Seine Schreie klangen besonders furchtbar.

«L…lass d…die Mama! Aaghhh! I…i…ich bring dich uuuummm!»

«Wat willst du?», schrie dann Erwin, und es gab ein riesiges Gepolter und noch mehr Schreie, bis er irgendwann fluchend die Tür hinter sich zuwarf und das Treppenhaus runterstürmte, während Sohn und Mutter oben noch eine Weile schrien; am Ende schrie nur noch die Mutter den Sohn an. Irgendwann in der Nacht kam Erwin dann besoffen zurück, um seinen Etagendoppeldefekt auszuleben. Zum Glück war er arbeitslos, denn was auch immer sein Beruf gewesen wäre, er hätte ihn nur mangelhaft ausführen können bei so wenig Schlaf.

Da Asterix mich so an Erwin erinnerte, konnte ich über die ganzen Keilereien in dem Heft nicht lachen, und ich legte es weg. So entwickelte ich Keine Ahnung von Asterix, was sich mit meinem Keine Ahnung von Fußball, Keine Ahnung von Kiss und Keine Ahnung vom Rest der Welt gut kombinieren ließ.

Bis irgendwann mein Freund Andreas (Vorname reicht, oder? Ich weiß, üblicherweise nennt man immer noch den Nachnamen, wenn man von Leuten aus Grundschulzeiten erzählt. Ich glaube, das macht man, damit die Zuhörer denken: «Ha, er sagt Katrin Schulzendorf statt einfach nur Katrin oder ein Mädchen, genau so mach ich’s doch auch, klasse, wir sind alle gleich, jippie. Okay, hör ich mir diese bestürzend fade Story eben bis zum Ende an.» Aus demselben Grunde berauschen sich, glaub ich, zugezogene Unberliner auch immer wieder daran, aus welch gottverlassenen Nestern andere Unberliner kommen. Und ich glaube, darum essen Blumen auch keine anderen Blumen. Ich brauche hier aber keine Sympathie von euch, fremde Leser. Oder doch, brauche ich. Will ich mir aber nicht durch billige Tricks erschleimen, sondern hart und gerecht verdienen mittels einer einfach mal objektiv guten und direkt in die Herzkammer gehenden Story, die funktioniert und vielleicht sogar mal verfilmt wird. Und ihr könnt dann im Kino laut sagen: An dieser Stelle war in der Geschichte noch so ’ne endlos lange Abschweifung. Hat er weggelassen, der gute alte Francis Ford. Hatte er nicht den nötigen Schneid.) mir mal das Heft  – ach komm, wir sind so raus, ich fang den Satz noch mal an, okay ? Schon okay, die Mühe mach ich mir gern, umso länger wird die Geschichte, eine richtige NOVELLE wird das. Bis irgendwann mein Freund Andreas (siehe oben, das schreib ich jetzt nicht alles noch mal, ey) mir «Asterix bei den Spaniern» zeigte, und das fand ich dann doch gut. (Seht ihr, das war’s schon mit Andreas, er kommt nie wieder vor, ist doch auch wirklich die Großmutter von egal, wie er mit Nachnamen hieß, aber wenn es euch so interessiert: Schulze. So. Jetzt habt ihr euren Willen bekommen, Shit, ich bin so unkonsequent, Thomas Bernhard hätte nicht so schnell nachgegeben.)

Diese Spanier, das waren nicht solche Alkis wie die Gallier. Dunkel, schmal und mit Hasenzähnen standen sie stolz da. Und die Farben in dem Heft waren irgendwie total irre. Später habe ich erfahren, dass Uderzo, der Zeichner von Asterix, farbenblind war und gerne auch mal ein Pferd grün ausmalte, und keiner traute sich, was zu sagen, denn er war ja Monsieur le Maître-Dessinateur.

Wahnsinnige Rotorangetöne zogen sich schon auf der ersten Seite durch den spanischen Himmel. Ich empfand diese Farbtöne als erwachsen. Keine bonbonhaften Kinderfarben wie bei Micky Maus und Fix und Foxi, wo der Himmel dauernd rosa oder hellgelb war, aus welchem undurchschaubaren pädagogischen Grund auch immer. Und auch die Spanier sahen erwachsen aus (bis auf den einen, der noch ein Kind war. Der sah aus wie ich). Sie hatten haarige Unterarme und knochige Konturen (oder, wie Monsieur le Maître-Dessinateur sagen würde: Contouren ) – nichts schweinchenhaft Untersetztes war an diesen Figuren. Das gefiel mir. Die Welt der Erwachsenen war gut. Da wollte ich hin. Bei Asterix konnte man sich als Kind schon erwachsen fühlen, denn die Hefte waren voller Anspielungen, es war mir klar, dass nur ein Erwachsener sie raffen konnte. Zum Beispiel kamen in dem Band mit den Spaniern auf einmal Don Quichotte und Sancho Pansa um die Ecke, die Engländer tranken dauernd Tee, die Korsen waren stolz und kuckten böse, und ihr Käse roch nicht gut (obwohl ich von Korsika so überhaupt keine Ahnung hatte, nickte ich dazu wissend mit dem Kopf. Um eine Asterix-Anspielung zu verstehen, musste man sie auch nicht wirklich verstehen; es reichte, wenn man erkannte, dass es sich um eine Anspielung handelte. Dann fühlte man sich schon schlau).

Ich wurde der größte Asterix-Fan von allen. Sobald ein neues Heft in die Läden kam, kaufte ich’s mir von meinem Taschengeld, das Lesen war stets ein Fest. Lachen musste ich nie, dafür umso heftiger nicken, je älter ich wurde. Ich nannte unseren Kater Asterix.

Ich weiß nicht, wie es bei euch war; bei mir führte das Einsetzen der Pubertät zu einem miesen, alles verschlingenden Ekel vor meinem vorherigen kindlichen Selbst. Von einem Tag zum andern konnte ich diesen kleinen Klugscheißer nicht mehr ausstehen und wurde sein genaues Gegenteil. In der Grundschule hatte ich gute Noten gehabt, von der Oberschule flog ich achtkantig mit einem Zeugnis voller Sechsen und immerhin noch einer Fünf in Kunst.

Und mit Asterix war da auch Schluss. Die Lehrer mochten Asterix. Asterix latinum parleant. Leck mich am Arsch.

Zum Schluss noch der Vollständigkeit halber was über Erwin. Wenn ich hier schreibe, er hätte seine Leute jede Nacht verprügelt, dann heißt das nicht wirklich jede Nacht. Es gab Nächte, wo er das nicht tat. Dann lärmten sie oben zwar trotzdem rum, aber auf ’ne irgendwie fröhliche Art, obwohl das Lachen des Sohns in meinen kleinen Ohren nicht viel anders klang als seine Angst- und Schmerzensschreie. Das kommt ja verschärfend hinzu beim Behindertsein: Nicht nur peilst du die Welt nicht – die Welt peilt dich auch nicht zurück. Wir Kinder hatten immer eine Heidenangst vor dem Sohn, auch wenn meine Eltern sagten, er würde keinem was tun. Immer – jetzt meine ich wirklich immer – wenn man die Fassade unseres Hochhauses hochkuckte, sah man ihn. Er schaute den ganzen Tag aus dem Klofenster. Riesig wirkte er, wie er da aus dem winzigen Fenster ragte. Wir hatten bei uns dasselbe Fenster. Um sich da so rauszurenken wie er, musste man schätzungsweise aufs Klo steigen. Erwins Sohn stand also den ganzen Tag auf dem Klo und kuckte raus. Oft lallte er dabei unverständlich vor sich hin. Wenn sich unsere Blicke trafen, fing er an, zu schreien und zu spucken.

Draußen sah man ihn immer nur mit seinem Vater. Erwin brachte ihn jeden Tag zum Telebus und holte ihn jeden Tag wieder ab. Manchmal gingen sie auch zusammen spazieren. Und bei alldem war der Sohn ganz ruhig, denn Erwin hielt seine Hand. Erwin hielt die Hand dieses riesigen Mannes, der ihn um zwei Köpfe überragte, und es schien ihm scheißegal zu sein, was die Leute dachten.

Ich bin lange nicht mehr im Märkischen Viertel gewesen, entwerfe hier aber mal folgende These: Da gehen auch heute noch keine zwei Männer Hand in Hand. Umso weniger damals. Wenn ich an die beiden zurückdenke, sehe ich sie immer so vor mir: Hand in Hand, ganz ruhig und langsam zum Telebus gehend. Freunde von mir haben mal ein behindertes Kind gekriegt. Blöd, wie ich bin, meinte ich: «Mann, krass, wa?» Und die so: «Hää? Was meinst du denn? Wir freuen uns. Wir lieben unseren Kleinen.» Beschämt dachte ich damals: Wahnsinn, was sind das für großartige Leute. Ich würde in den Teppich beißen, durchdrrrrrrehhhhn würde ich, oh Gott.

Ein Jahr später erfuhr ich, dass sie ihr Kind kurz danach ins Heim gesteckt haben. Erwin und seine Frau (falls es die überhaupt gab, man sah sie nie, und mit nie meine ich selten) haben das nicht getan.