Als mir «Väterchen» Rowohlt im Traum erschien Wolfgang Bächler

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Ich sitze in einem Zimmer mit einer modernen Couch hinter dem Tisch an der Seitenwand, habe zunächst den Eindruck, es sei mein Untermieterzimmer. Da kommt durch die verschlossene, sonst nie benutzte Tür, hinter der einer der Räume der Hauptmieter liegt, der alte Rowohlt herein. Er stellt sich ans Fenster und redet soweit ganz freundlich mit mir. Er fragt, wann ich denn endlich einen neuen Roman schreibe. Er zählt eine ganze Reihe von Künstlern auf, die auch sehr neurotisch oder psychopathisch gewesen seien und doch eine Menge Gutes geschrieben hätten. Dabei nennt er aber von Manet über van Gogh bis zur Gegenwart mehr Maler als Schriftsteller. Ich denke, das kommt davon, wenn ein Verleger so wenig liest, und sag es ihm schließlich doch: die meisten seiner Beispiele seien Maler, hätten also nichts geschrieben. Gemalt hätte ich während meiner Depressionen auch schon, aber schreiben könne ich in diesem Zustand eben nicht.

Er schien doch etwas verlegen, brummte aber dann, malen oder schreiben, das sei egal. Ich hätte doch schon bewiesen, daß ich schreiben kann, und solle jetzt nicht ewig auf den alten Lorbeeren ausruhen. Er verschwand wieder durch die Tür.

Vielleicht war es doch in seiner Wohnung oder im Verlag. Denn gleich danach kam sein Sohn Ledig-Rowohlt herein und setzte sich auf die Couch. Er schnupperte herum, fragte, ob ich mit dem Mädchen, mit dem wir letzte Nacht ausgegangen waren, geschlafen hätte und wie es war. Ich sagte aber nichts. Dann sprach er über Literatur.

 

Dieser Traum, aufgezeichnet in der Nacht vom 1. zum 2. Juli 1955, stammt von Wolfgang Bächler (1925 – 2007). Bächler wurde vor allem als Lyriker bekannt. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe 47, seine Gedichte wurden von zahlreichen Kritikern und Kollegen, darunter Gottfried Benn und Thomas Mann, gepriesen. Sein Buch „Traumprotokolle“, aus dem dieser Text stammt, erschien erstmals 1972 im Carl Hanser Verlag, später unter dem Titel «Im Schlaf. Traumprotokolle» im S. Fischer Verlag.

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1988.